Archiv

Autor-Archiv

Es geschah nicht in Berlin…

10. November 2014 1 Kommentar

Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass die erste Grenzüberschreitung nach Schabowskis Pressekonferenz am 09.11.1989 am Grenzübergang Bornholmer Straße in Berlin stattfand. Dieses wird noch dadurch erhärtet, dass zufällig ein Team von SPIEGEL TV anwesend war, welches die historischen Bilder aufnahm, die in diesen Tagen hunderte Male auf allen Fernsehkanälen wiederholt werden.

Ab 21:20 Uhr wurde einzelnen Personen gestattet, den Grenzübergang ohne größere Formalien zu passieren. Erst eine halbe Stunde vor Mitternacht wurde dann dort der Schlagbaum geöffnet, und die Kontrollen wurden eingestellt – weil sie einfach nicht mehr möglich waren.

Am Grenzübergang Helmstedt-Marienborn waren sie jedoch etwas schneller, laut Wikipedia sollen die ersten um 21:15 Uhr herübergekommen sein. Nur war leider kein Fernsehteam anwesend, welches historische Aufnahmen gemacht hätte. Zum Glück wohnte ich damals in Braunschweig in unmittelbarer Nähe der Bundesstraße 1, die von Helmstedt aus zur zweitgrößten Stadt Niedersachsens führte, und kann daher berichten, was an jenem Abend (jenseits von Berlin) wirklich geschah.

Aber fangen wir von vorne an: In jenem Sommer hatte ich wenig von den Geschehnissen um die Prager Botschaft und den Ausreisen per Zug durchs Gebiet der DDR mitbekommen, weil ich zu der Zeit irgendwo in Skandinavien im Urlaub war, und die Nachrichten erst mit beträchtlicher Verspätung eintrafen.

Ich war quasi (auch) mit Fernsehen und Radio der DDR aufgewachsen, denn in Braunschweig, nur 40 km von der “Zonengrenze” entfernt, hatten wir hervorragenden Empfang. Und es gab ja noch keine Privatsender im Westen, sondern ausschließlich ARD, ZDF, und das dritte Fernsehprogramm des NDR. Und im Radio eigentlich nur NDR 1-3 und den Deutschlandfunk, wenn man nicht noch auf Kurzwellensender auswich (achja, den britischen Soldatensender BFBS gab’s natürlich auch noch). Da habe ich manchmal aus Not und Neugier auch mal das DDR-Fernsehen eingeschaltet. Und deswegen bin ich sozusagen mit dem Ostsandmännchen, Pittiplatsch, Schnatterinchen und Frau Doktor Pille aufgewachsen.

Doch in jenem Sommer 1989, als bei den neuen Privatsendern schon wieder die Langeweile einkehrte, entdeckte ich DT64, das Jugendradio der DDR. Und das war besser, aufregender, frecher und abwechslungsreicher als alles, was ich je zuvor im Radio gehört hatte. Und dann gab es da noch ab Mitternacht die Sendung “Schlafstörungen” mit Marion Brasch, der ich gebannt folgte. Ja, ich habe Marion sogar ein paarmal in der Sendung angerufen, und sie im Frühjahr 1990 überraschend im Sender in der Nalepastraße besucht.

Auf jeden Fall bekam ich durch DT64 schon vor der eigentlichen Wende mit, wie die Stimmung im Osten war, und dass sich dort etwas anbahnte. Was all die Demonstrationen am Ende bringen würden, konnte sich zu jenem Zeitpunkt noch niemand ausmalen. Aber alle wollten etwas ändern, und sie verschafften sich mehr und mehr Gehör und Aufmerksamkeit.

Am 9. November dann habe ich kurz nach 19 Uhr (in den heute-Nachrichten?) Aufnahmen der legendären Pressekonferenz gesehen, und wusste sofort, dass nun etwas in Gang gesetzt worden war, was niemals wieder rückgängig gemacht werden konnte – wenn die DDR-Oberen nicht ihr eigenes Volk niederprügeln oder gar -schießen wollten.

Ich habe damals bei meinen Eltern angerufen, und mit meiner Mutter(?) über das gesprochen, was ich gerade im Fernsehen gesehen hatte. Wir hatten überhaupt keine Verwandten in der DDR, waren also eigentlich persönlich weniger betroffen. Nach dem Telefonat starrte ich noch lange ungläubig mit Tränen in den Augen auf die Fernsehbilder – zu jenem Zeitpunkt war die Grenze aber noch dicht!

Ich kannte Deutschland nicht anders, da ich drei Monate vor dem Mauerbau geboren wurde. In den frühen Sechzigern ahnte man auch noch nicht, dass die DDR diesen Unsinn 28 Jahre lang durchhalten würde. Die Grenze bei Helmstedt und vor allem im nahen Harz habe ich als kleiner Junge immer mit einer Mischung aus Angst und Verwirrung betrachtet. Auf beiden Seiten lebten Deutsche, wieso konnten die nicht einfach von einer Seite auf die andere gehen?

Im Herbst 1989 geschah jedoch genau dieses: Zuerst gingen einzelne Menschen vor allem von Osten nach Westen über diese jahrzehntelang undurchdringliche Grenze. Und kurze Zeit später folgten bereits Menschen- und Fahrzeugmassen. Die habe ich nämlich an jenem Abend noch reichlich zu Gesicht bekommen.

Ich schätze, es war gegen 22 Uhr, als ich mich auf den Weg in die Innenstadt machte. Ich wollte einfach noch mal raus, und im Panoptikum, meiner Stammkneipe und -disko vorbeischauen. Da ich fast an der Straße in Richtung Innenstadt wohnte, zu dem Zeitpunkt aber kein Auto besaß, beschloss ich zu trampen. Schließlich fuhren auf der B1, welche in Braunschweig Helmstedter Straße hieß, jede Menge Fahrzeuge in Richtung Innenstadt.

Es war Donnerstagabend, und nicht allzu viel los. Aber das Merkwürdige war, dass zwischen all den Autos zuerst nur sporadisch, später jedoch immer mehr Trabbis und Wartburgs auftauchten! Bis zu jenem Tag waren solche Fahrzeuge auch nur 40 km jenseits der DDR-Grenze eine absolute Rarität. Mich hatte dann jemand (kein Ossi) mitgenommen, und in der Innenstadt in der Nähe des Rathauses abgesetzt. Ich ahnte zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass ich im Laufe der Nacht in einem Wartburg nicht nur mitfahren würde…

Am Platz vor dem Rathaus war die Hölle los: Alles war mit Fahrzeugen aus der DDR zugeparkt! Anscheinend machten sich die Ossis irgendwie Hoffnung, dass sie um diese späte Tageszeit noch ihre 100 DM Begrüßungsgeld abholen könnten. Aber ich glaube, die meisten hatten überhaupt gar keinen Plan, und suchten das Rathaus nur als erste Anlaufstelle auf. Die Allermeisten waren zum allerersten Mal in Braunschweig, und wussten überhaupt nicht, was sie dort machen sollten.

Ich weiß nicht, ob es tatsächlich Begrüßungsgeld gab, doch der Ansturm der Ossis samt Trabbis stellte die Braunschweiger Behörden vor nicht unerhebliche Probleme. Während ich zwischen all den Ossis über den Rathausplatz schlenderte, bekam ich vor allem eine Angst mit: Die Meisten wollten auf jeden Fall zurück, nur nicht sofort, und hatten große Angst, ob die Grenze nicht wieder dicht gemacht würde. Und wo sollten sie die Nacht verbringen? Der Stau auf der A2 vor der Grenze in Marienborn reichte angeblich bis Magdeburg zurück.

Doch die Stadt leistete in jener Nacht Unglaubliches. Es wurden Busse organisiert, die die Besucher aus der DDR in eine Kaserne am Stadtrand brachten. Die wurde wohl kurzfristig von den Soldaten geräumt, so dass Unterkünfte zum Übernachten zur Verfügung standen. Zwei Männer und eine Frau in meiner Nähe wollten das Angebot annehmen, aber nicht ihren Wartburg zurücklassen. Und sie hatten Angst, sich bzw. den Bus beim Hinterherfahren zu verlieren.

Ich hatte in den Jahren zuvor als Taxifahrer in Braunschweig gearbeitet, und fragte den Busfahrer, wo er denn hinführe. Ich weiß heute nicht mehr, wie die Kaserne hieß, sie war jedoch an der Helmstedter Straße gelegen, in unmittelbarer Nähe meiner Wohnung! Also bot ich den Dreien an, sie zu begleiten, damit sie hinter dem Bus herfahrend sicher zur Kaserne gelangten.

Nun saß ich also zum ersten Mal in meinem Leben in einem Wartburg. Und das sollte nicht die letzte Überraschung dieser Nacht bleiben. Wir fuhren also zu jener Kaserne, und bevor ich weitererzähle, möchte ich kurz in Erinnerung rufen, dass wir uns damals noch im “Kalten Krieg” befanden. Ich weiß noch, welche Kontrollen ich (als Zivildienstleistender) am Eingang einer Kaserne über mich ergehen lassen musste, weil ich einen Freund besuchen wollte, der auf der Krankenstation lag. Das war nicht so schlimm wie die Kontrollen an der DDR-Grenze, aber penibel war das schon.

Und jetzt dieses: Der Bus kam vor uns am Kasernentor an – und wurde einfach durchgewunken. Dann kamen wir: Ein Blick auf das DDR-Kennzeichen des Wartburgs – und wir wurden ebenfalls einfach so durchgewunken! Niemand hielt unsere Personalien fest, wir konnten problemlos mit einem DDR-Fahrzeug in eine Kaserne der Bundeswehr fahren.

Ich dachte mir: Jetzt wird’s interessant, mache ich doch einfach erst einmal weiter mit. Im Folgenden wurden dann die Ossis auf die Stuben verteilt. Es gab eine Schüssel Erbsensuppe und für jeden eine Banane (sic!). Ich nahm auch eine der Staudenfrüchte, und wir saßen auf der Stube und diskutierten. Über unsere Hoffnungen und unsere Ängste, und dass wir noch gar nicht richtig verstehen konnten, was hier gerade geschah.

Die Frau wurde müde, und wollte schlafen. Es war vermutlich bereits gegen Mitternacht, doch die beiden Männer waren viel zu aufgedreht, um ein Auge zumachen zu können. Also beschlossen wir, noch einmal von der Kaserne in die Innenstadt zu fahren. Man wollte den Augenblick genießen, wusste doch niemand, ob und wann man jemals wieder die Gelegenheit haben würde. Und am nächsten Tag wollten sie ja eigentlich auch wieder zurück, um arbeiten zu gehen. (Ich weiß nicht, ob das wie geplant geklappt hat.)

Ich lotste die Beiden mit dem Wartburg zum bereits erwähnten Panoptikum. Da sie kein Westgeld dabei hatten, gab ich ihnen dort ein Bier aus. Nach einer Stunde wollten wir dann doch zurück, um noch ein wenig zu schlafen. Da meinten die beiden Männer, sie hätten Angst, nach dem Genuss eines Bieres zu fahren (in der DDR galt eine unerbittliche Null-Promille-Grenze!). Ob ich nicht den Wartburg zurück zur Kaserne fahren könne…

Ich ließ mir also die technischen Besonderheiten des Fahrzeugs kurz erklären, und wir machten uns erneut auf den Weg. Und vor der Kaserne durfte ich das Wunder noch einmal, diesmal sogar am Steuer des Wagens erleben – sobald die Wachsoldaten erkannten, dass es sich um ein Fahrzeug aus der DDR handelte, wurden wir freundlich und ohne jegliche Kontrolle in die Kaserne hinein gewunken.

Die Wache staunte aber dann doch ein wenig, als ich kurz darauf zu Fuß die Kaserne verließ, um mich auf den Heimweg zu machen. Meine Wohnung lag quasi auf der Rückseite der Kaserne. Dort angekommen, schaltete ich bestimmt noch einmal den Fernseher ein, um nun auch in Berlin die Wartburgs und Trabbis über die Grenzübergänge rollen zu sehen. Und irgendwann bin ich dann nach dieser aufregenden Nacht vermutlich auch mal eingeschlafen…

Halten wir aber für die Nachwelt fest: Die ersten Grenzüberquerungen fanden nicht in Berlin, sondern am Grenzübergang Helmstedt-Marienborn statt. Und der Autoverkehr rollte auch schon längst von Helmstedt nach Braunschweig, als an der Bornholmer Straße der Schlagbaum noch geschlossen war. Schade nur, dass ich in jener Nacht kein Fernsehteam getroffen habe, dem ich von diesen unglaublichen Ereignissen hätte berichten können.

Wo fahren sie denn?

Ich weiß im Moment nicht, ob ich mich mehr über die Kommunikation seitens der Bahn oder über die anschließenden Berichte in den Medien aufregen soll – eines ist schlimmer als das andere…

Aber von vorn: Gestern komme ich mit einigen Minuten Verspätung mit der S-Bahn am Bahnhof Dreieich-Buchschlag an, wo ich normalerweise genau drei Minuten zum Umsteigen habe. Ein Blick aus dem Fenster der ankommenden S-Bahn zeigt mir, dass die Dreieichbahn nicht mehr dort steht, wo sie laut Fahrplan um 17:26 abgefahren sein sollte. Wissend, dass eine Viertelstunde später eine Regionalbahn aus Frankfurt ankommen würde, mit der ich ebenfalls mein Ziel erreichen würde, schlendere ich zusammen mit vielen anderen Passagieren durch die Unterführung.

Plötzlich beginnen die Vordersten die Treppe zum Gleis hochzulaufen, und man hört auch in der Unterführung, wie ein Zug einfährt. Ich beginne ebenfalls zu laufen, und wundere mich, als ich auf dem Gleis ankomme, denn die Bahn, die jetzt dort steht, kam offensichtlich nicht aus Frankfurt. Aber egal, erst einmal hinein, um noch einen guten Sitzplaztz zu ergattern.

Kaum sitze ich, höre ich eine Durchsage ungefähr folgenden Inhalts: “Wegen eines Personenunfalls ist die Strecke leider bis auf weiteres gesperrt. Dieser Zug fährt nur bis Sprendlingen [also eine Station weiter].” Von dort müssten wir mit dem Bus nach Urberach fahren.

Da es keine direkte Busverbindung zwischen Sprendlingen und Urberach gibt, gehe ich genau wie viele andere Fahrgäste davon aus, dass ein Schienenersatzverkehr eingerichtet wird, um uns ans Ziel zu bringen, bzw. wenigstens soweit, dass wir mit einer anderen Bahn hätten weiterfahren können. Also steigen alle in Sprendlingen brav aus (darunter auch eine Frau mit einer Krücke), steigen wieder eine Treppe hinab, laufen durch die Unterführung, um auf der anderen Seite wieder eine Treppe hochzusteigen.

Die Ersten von uns sind schon beinahe an der nahen Bushaltestelle angekommen, als der Zug auf einmal ein Signal von sich gibt. Die Letzten hören wohl den Zugführer etwas rufen, woraufhin sie umdrehen. Die ganze Menschenmasse folgt, in der Hoffnung, dass die Strecke nun doch frei sei. Doch zu früh gefreut…

Drei Stationen später in Götzenhain (ja, das klingt nicht nur wie der Arsch der Welt) eine erneute Durchsage, dass der Zug dort endet, und wir mit dem Bus weiterfahren sollen. So langsam beschleicht uns der Verdacht, dass es doch keinen Schienenersatzverkehr geben würde. Alle steigen erneut aus, ein Großteil läuft wieder durch eine Unterführung, um zur nächsten Bushaltestelle zu gelangen.

Aber auch dort fährt kein Bus in die Richtung, in die wir wollen. Erschwerend kommt für mich hinzu, dass ich bei der Suche nach einer alternativen Möglichkeit, nach Hause zu kommen, nicht die Tarifzone meiner Jahreskarte verlassen darf. Aber zum Glück hat meine Ehefrau in Kürze Feierabend, und wird auf dem Heimweg von Frankfurt sowieso in der Nähe von Götzenhain vorbeikommen.

So endet die Odysee damit, dass nach einer weiteren halben Stunde meine Ehefrau außer mir noch einen unserer Nachbarn, der mit im Zug war, und einen weiteren Rödermärker, der schon eine Stunde vor uns dort In Götzenhain gestrandet war, aufpickt, und spät, aber glücklich ans Ziel bringt. Die Bahnstrecke wurde vermutlich kurz vorher wieder freigegeben.

Die Bahn kann selbstverständlich nichts dafür, wenn sich jemand vor einen ihrer Züge wirft. und sie konnte in diesem Fall wohl auch schlecht abschätzen oder in Erfahrung bringen, wie lange die Sperrung dauert. Aber die Fahrgäste ohne eine Information, wie sie denn nun ans Ziel kommen können, einfach auszusetzen, ist ein Unding. Wenn die Bahn schon keinen Schienenersatzverkehr einrichtet, dann sollte sie wenigstens erkunden, auf welche Weise ihre Fahrgäste ans Ziel kommen können, bevor sie diese rausschmeißt. Eine Möglichkeit wäre gewesen, zurückzufahren, weiter mit der S-Bahn nach Frankfurt, und dort in eine anderre S-Bahn, die auf einer anderen Route nach Rödermark fährt. Allerdings hätte die Bahn es organisieren müssen, dass dazu zeitweise Fahrgäste wie ich den Gültigkeitsbereich ihrer Zeitkarten verlassen dürfen.

Dieser Umweg hätte zwar auch sehr lange gedauert, aber das ist immer noch besser, als gar nicht zu wissen, wie man überhaupt wegkommt. Eine weitere Möglichkeit wäre gewesen, die Passagiere einfach im Zug warten zu lassen, bis die Strecke irgendwann wieder freigegeben wird. Wir hatten zwar angenehmes Wetter, hätten uns aber eigentlich das Hin- und Hergerenne durch Unterführungen ersparen, sondern in Ruhe im Zug weiter lesen oder Musik hören können.

Und nun kommt noch die Berichterstattung in den Medien… Offensichtlich schreibt man voneinander ab, denn wie hätte sich sonst so lange die Behauptung von einer S-Bahn oder einer S-Bahnstrecke halten können? Die Dreieichbahn ist eine Regionalbahn, und die Strecke ist nicht elektrifiziert – dort können also gar keine S-Bahnen entlangfahren! Hätte er darauf gewartet, sich dort vor eine S-Bahn werfen zu können, dann stünde er jetzt noch an der Stelle herum…

Die Rechtschreibfehler im Artikel der “Offenbach Post” sind wohl bis auf “Zwei Tore” im Titel der Seite beseitigt worden. Doch noch immer hat sich der Mann angeblich vor eine S-Bahn geworfen. Der Schlusssatz

“Die etwa 25 Fahrgäste in der Bahn mussten im Bus weiterfahren.”

hätte ebenfalls ganz anders lauten müssen:

“Die mehr als 100 Fahrgäste aus diesem und nachfolgenden Zügen sollten wegen der Vollsperrung der Strecke mit Bussen weiterfahren, von denen jedoch keiner zum Ziel führte.”

Bei der “Offenbach Post” heißt es außerdem, dass die Frau erwürgt wurde. Das steht allerdings in eklatantem Widerspruch zu einem anderen Artikel:

“Bluttat in einem Mehrfamilienhaus”

“Blutspuren im Flur”

“Frau mit schweren Schnittverletzungen”

Das stammt – natürlich? – aus bild.de, deren Redakteure wieder einmal mehr wissen (oder vermuten?) als andere Redaktionen. Der Stil ist unverkennbar (man beachte die Pünktchen):

“Sie waren ein Paar…”

Währenddessen ist in der Überschrift allerdings nur von einem “Pärchen-Drama” die Rede. Da hatte es wohl noch nicht zu einem ausgewachsenen Paar gereicht. Was soll diese Unsitte, ein Ehepaar (in diesem Fall Ende 40) nicht als “Paar”, sondern als “Pärchen” zu bezeichnen? Klingt wie “Bärchen”, irgendwie niedlich.

Mir ist es ja egal, ob dieser Mann sich vielleicht aus Frust darüber, dass keine S-Bahn kam, selbst erwürgt hat. Aber dass die Bahn ihre Fahrgäste (= Kunden!) sprichwörtlich im Regen stehen lässt, ist eine Unverschämtheit. Als Besitzer einer (teuren) Jahreskarte möchte ich Hilfe erhalten, wie ich nach Hause kommen kann, anstatt einfach nur aus dem von mir ursprünglich gewählten Beförderungsmittel geworfen zu werden.

Muss ich noch erwähnen, dass die Livefahrpläne der Bahn während des Desasters auch keine Hilfe waren? Auf der Suche nach der nächsten Heimfahrtmöglichkeit wurden mir ausschließlich die planmässigen Verbindungen der Dreieichbahn angezeigt, keine Warnung, dass die Strecke zur Zeit gesperrt ist. Jede Autonavigation bietet heutzutage die Möglichkeit, Staus zu umfahren. Aber die Bahn kennt wohl keine Staus, nur Störungen im Betriebsablauf, die man nicht umfahren, sondern nur geduldig ertragen kann.

Hier geht’s jetzt um die Wurst.

Pro

  1. Tolles Lied, könnte auch als James-Bond-Titelmelodie von Celine Dion gesungen werden – also ein klassischer ESC-Song.
  2. Schönes Kleid.
  3. Kein Herumhampeln, kein Möchtegernballett. Im Vergleich zu den anderen “Künstlern” so gut wie keine Show. Daher Konzentration auf das Wesentliche: Die Musik.
  4. Eine (für meine Ohren) überraschend gute Stimme.
  5. Eine Ohrfeige und herbe Niederlage für Russen und andere Homophobe.
  6. Der Traum vieler Schwuler (aus denen das ESC-Publikum zum größten Teil besteht) wird wahr: Ein bekennender Schwuler gewinnt als Dragqueen im Klitzerkleid den ESC. Wer von Euch Schwulen nicht auch schon mal davon geträumt hat, der werfe das erste Wattebäuschchen…

Contra

  1. Der Bart sieht irgendwie bescheuert aus. Er erinnert mich immer an diesen hirnlosen Glööckler. Aber vielleicht war er ja (der Bart, nicht der Glööckler) der Schlüssel zum Erfolg?

Damit müssten auch die Kirchen leben können

Karfreitag, Ostermontag, Himmelfahrt, Pfingstmontag, Fronleichnam, erster und zweiter Weihnachtstag – das sind die sieben staatlichen Feiertage bei uns in Hessen, die religiös begründet sind. (Die anderen sind Neujahr, Tag der Arbeit und Tag der deutschen Einheit.) Was spräche im Sinne der Trennung von Staat und Kirche dagegen, diese Tage wie schon zuvor den Buß- und Bettag zu einfachen religiösen Feiertagen zu “degradieren”, an denen prinzipiell gearbeitet werden muss?

Damit nun niemand benachteiligt wird, bekommen alle stattdessen sieben Tage “Sonderurlaub”. Diesen dürfen sie z.B. an ihren religiösen Feiertagen nehmen, um wie bisher den Gottesdienst besuchen zu können. Somit könnten sich Christen auch nicht mehr darüber beschweren, dass Ungläubige solche Feiertage gerne mitnehmen, anstatt arbeiten zu gehen: Wir gehen einfach arbeiten, und nehmen stattdessen an einem anderen Tag unseren Sonderurlaub. (Hat sich eigentlich schon mal jemand darüber beschwert, dass Arbeitslose den Tag der Arbeit “mitnehmen” würden?)

Es könnten auch einige dieser staatlichen Feiertage durch andere, nicht religiös begründete ersetzt werden. Es bietet sich z.B. der Europatag am 5. Mai an. Allerdings ginge das auf Kosten der Gläubigen, da diese dann einen Tag weniger Sonderurlaub hätten, und “normalen” Urlaub an ihrem religiösen Feiertag nehmen müssten.

Früher in der Schule (in Niedersachsen) durften die katholischen Schüler an katholischen Feiertagen wie z.B. Fronleichnam einfach freinehmen. Umgekehrt gab es leider für uns evangelische Schüler keine evangelischen Feiertage, die nicht auch katholische waren. (Der Reformationstag war damals kein Feiertag.) Andererseits sollten die Kirchen trotz “Lasset die Kindlein zu mir kommen” besser die Finger von unmündigen Menschen lassen. Natürlich wollen die Kirchen die Menschen so früh wie möglich in ihrem Sinne beinflussen. Kann ich gut verstehen, halte ich aber für unzulässig.

Genauso unzulässig wie (religiös begründete) Vorschriften für Anders- oder Ungläubige. Stellen Sie sich mal vor, ein Gesangverein würde allen Leuten im Ort (auch den Nichtmitgliedern) vorschreiben wollen, dass Mittwochabends niemand Musik hören darf – weil der Gesangsverein zu dieser Zeit in Ruhe üben möchte. Klar, für einen Verein selbst – auch für die Kirche – muss es Regeln geben. Aber diese dürfen sich nicht auf Nichtmitglieder erstrecken! (Außerdem gelten natürlich die staatlichen Gesetze zur Ruhestörung und Lärmbelästigung.) Und wie laut würden wohl die Christen schreien, wenn sie ihre Sonderrechte teilen müssten, und ihnen an islamischen Feiertagen bestimmte Vorschriften gemacht würden?

In manchen Gegenden gibt es sogar die Tradition des Ratschens. Kurz erklärt: Während allgemeines Tanzverbot herrscht, ziehen Christen umher und machen Lärm, welcher die Gläubigen aufruft und die Ungläubigen nervt. Hat schon mal jemand versucht, die wegen Lärmbelästigung anzuzeigen?

Was die Ladenöffnungszeiten betrifft, so sollten ebenfalls keine Vorschriften gemacht werden. In Gegenden mit überwiegend religiöser Bevölkerung, in denen dann viele an religiösen Feiertagen freinehmen, müssten sich Einzelhändler natürlich Gedanken darüber machen, ob sie ihren Laden für den Rest der Bevölkerung unbedingt öffnen müssen. In anderen Gegenden müssen sie sich Gedanken darüber machen, ob sie den Laden an einem solchen Tag unbedingt schließen wollen. Das sollten wir der “unternehmerischen Freiheit” überlassen.

Und das allgemeine Tanzverbot an religiösen Feiertagen sollte natürlich ersatzlos gestrichen werden: Keine Sonderrechte mehr für bestimmte Religionsgemeinschaften!

Fünf Fragen (ohne Stöckchen)

Blogstöckchen: Fünf Fragen.

Antje Schrupp möchte gerne, dass auch ich ihre fünf Fragen beantworte. Bitte sehr…

1. Stell dir vor, du kommst von einem fremden Planeten auf die Erde und müsstest dir eine Religion aussuchen – welche wäre das (außer deiner eigenen, das gilt nicht)?

Mir graut vor dem Gedanken, mir eine Religion aussuchen zu müssen. Zumal ich gar keine eigene habe, die nicht gelten würde. Aber ich habe mir schon oft überlegt, was wohl Außerirdische über uns denken könnten. So kann ich mir auch vorstellen, wie ich reagieren würde, wenn ich – als “Zugereister” – zum ersten Mal mit Religion in Berührung käme. Ich wäre irritiert und skeptisch. Und würde zuallererst fragen, wieso ich auf meinem Planeten noch nie etwas von all den großartigen Göttern mitbekommen habe, die die Erde bevölkern. Haben die etwa auch meinen Heimatplaneten heimlich erschaffen, ohne dessen Bewohner darüber in Kenntnis zu setzen?

Und ich bin mir sicher, ich würde schnell wieder zurückfliegen, wenn mir die religiösen Menschen zu sehr auf die Nerven gingen, z.B. indem sie mir einreden wollen, ich müsse eine Religion wählen, denn (wie bisher) ohne Gott – das ginge ja nun gar nicht…

2. Dein Lieblingsbuch aus der Bibel?

Ich mag eine Stelle ganz besonders, bei der ich jedes Mal lachen muss. Ich muss aber erstmal raussuchen, wo die genau war. Es ging um den Bau und die Ausstattung des Zeltes für die Bundeslade (und die Kleidung für die Priester, und die Opfergaben, und… und… und…). Zuerst schreibt Jahwe dem Volk Israel und den Priestern haargenau vor, wie das alles herzustellen und zu errichten sei. Über viele Seiten. Und dann folgt über ebenso viele Seiten die Ausführung, dass es auch bis ins letzte Detail genauso wie vorgeschrieben ausgeführt wurde.

Das Ganze steht direkt nach der Übergabe der Zehn Gebote an Moses, irgendwo in dessen 2. Buch…

3. Gebrauchst du im Gespräch mit nicht-gläubigen Menschen das Wort “Gott” und wenn ja, wie sind die Reaktionen?

Ich halte mich eher zurück, mit Gläubigen darüber zu sprechen. Denn mit denen kann man nicht so gute Witze darüber reißen, weil die das ernstnehmen und sogar als “heilig” erklärt haben. Daher grenzt es schon an Blasphemie, wenn ich als Ungläubiger zu Gläubigen über Gott spreche. Das Problem habe ich zum Glück bei nicht-gläubigen Menschen nicht.

4. Gibt es derzeit eine Renaissance der Religion oder nicht?

Ja, nur nicht überall. Zum Glück nicht.

5. Was bedeutet für dich Frommsein?

Gar nichts. Ich erlebe nur andere Menschen, die sich als fromm bezeichnen, und die daher meiner Meinung nach an sich selbst (und nicht an Andere) strengere Maßstäbe anlegen müssten, die sich aber in ihrem Verhalten überhaupt nicht von Anderen unterscheiden.

Nun reicht es aber, Oliver Thiel!

Kennt Ihr Oliver Thiel? Vermutlich ebenso gut wie ich: Ich kenne ihn nicht persönlich, weiß nicht einmal, ob es ihn wirklich gibt. Aber ich bekomme häufige und unregelmäßige Mails in seinem Namen zugeschickt. Meist möchte er mich überreden, Goldmitglied bei StayFriends zu werden. Aber gestern hat er es in meinen Augen zu weit getrieben. Er schrieb Folgendes:

Herzlichen Glückwunsch zum Namenstag, Ingo

Hallo Ingo!

Sie haben heute Namenstag und wir dürfen Ihnen sehr herzlich dazu
gratulieren. Erfahren Sie mehr über die Bedeutung Ihres Namens.

Mehr über meinen Namen erfahren
http://go.stayfriends.de/3Xk0giV3xMQYIkyX/saintsday_own

Viele Grüße
Oliver Thiel
StayFriends Mitgliederbetreuung

Offensichtlich weiß Oliver Thiel nicht, dass ich schon so alt bin, dass ich mehr als eine Gelegenheit hatte, die Herkunft meines Vornamens zu erleuchten. Und das ist in meinem Fall nicht sehr schwierig: “Yngvi (auch Ingwë bzw. Ingwio) ist der Name der wichtigsten Gottheit des Germanenstammes der Ingaevonen.” Ingo ist einfach die deutsche Form dieses Namens. Und es ist das Original, und nicht die Kurzform z.B. von Ingbert, wie an manchen Stellen zu lesen ist. Im Gegenteil: Alle anderen Namen, die mit Ing- beginnen (so auch weibliche Formen wie Ingeborg oder Ingrid) sind von Yngvi/Ingwio/Ingo abgeleitet worden.

Der erwähnte Namenstag bezieht sich aber auf den Heiligen Ingbert, der im 6./7. Jh. als Einsiedler im heutigen Saarland einsiedelte. Weshalb dort sogar ein Ort nach ihm benannt wurde. Es gibt also keinen Heiligen Ingo. Das wäre auch äußerst seltsam, wenn die katholische Kirche einen nordischen StammesGOTT heiligspräche…

Andererseits ist es auch seltsam, dass Oliver Thiel (vermutlich selbst katholisch) einfach so davon ausgeht, dass auch ich zu seiner Glaubensgemeinschaft gehören und damit Namenstage feiern würde. Als ehemals getaufter Protestant habe ich zwar in meiner Kindheit immer bedauert, dass ich niemals Namenstag feiern kann. Aber als heutiger Atheist habe ich nicht nur die Trauer darüber, sondern sämtlichen religiösen Ballast überwunden.

Und daher, lieber Oliver Thiel, möchte ich Sie bitten, sich nicht weiter auf diese katholische Weise bei mir einzuschleimen. Sonst könnte ich auf die Idee kommen, mal wieder darüber nachzudenken, was – außer Ihren Mails – mir eigentlich die (normale) Mitgliedschaft bei StayFriends bringt. Und schlimmstenfalls trete ich dann endlich mal dort aus.

Was dem einen sein Negerkuss, ist der anderen ihr Zigeunerschnitzel

18. August 2013 6 Kommentare

Fühlen Sie sich manchmal auch furchtbar durch den Gebrauch einzelner Worte beleidigt oder provoziert? Versuchen auch Sie, Namen, die Sie seit Ihrer Kindheit kennen, durch politisch korrekte wie “Schokokuss” oder “Paprikaschnitzel” zu ersetzen? Haben Sie ein schlechtes Gewissen, wenn Sie ihnen aus Gewohnheit und Versehen dennoch einmal herausrutschen? Und vor allem: Üben Sie sich auch immer wieder darin, auch Ihren Mitmenschen den politisch korrekten Gebrauch von Sprache beizubringen? Na, dann verstehen Sie sicherlich mein Problem als Atheist.

Gegen die Beleidigung “Ungläubiger” konnte ich mich erfolgreich zur Wehr setzen, indem ich das Wort selbst benutze, wie es uns die Schwulen vorgemacht haben. Heute kann ich stolz und aufrechten Hauptes sagen, dass ich ungläubig bin, weil diese Bezeichnung für mich positiv besetzt ist. Statt mich als Atheist vorzustellen, sage ich nun einfach, ich bin ungläubig, wenn mich jemand nach meinem Glauben fragt. So wie ich auch Nichtraucher bin, wenn mir jemand Tabakwaren anbietet.

Aber ein Problem bleibt für mich und alle anderen Ungläubigen: Genauso, wie Wörter wie “Neger” oder “Zigeuner” heute nicht mehr angebracht sind, ist auch “Gott” ein Relikt aus alten Zeiten, und beleidigt jeden aufgeklärten Menschen. Dennoch wird es nach wie vor gedankenlos in Wörtern wie z.B. “Götterspeise” verwendet, obwohl es dafür bereits in meiner Kindheit den Namen “Wackelpudding” gibt. Außerdem gibt es natürlich zahlreiche Bücher, die dringend an unsere aufgeklärte und politisch korrekte Zeit angepasst werden müssen. Wenn der “Negerkönig” selbst bei Pippi Langstrumpf ersetzt wird, dann ist es sicherlich angebracht, “Gott” aus weitaus wichtigeren Werken zu tilgen. Die Möglichkeit, Werke, in denen noch gedankenlos “Gott” benutzt wird, als “jugendgefährdend” einzustufen, halte ich wie im Fall von Pippi Langstrumpf für unwahrscheinlich.

Atheisten neigen im Gegensatz zu manchen religiösen Menschen nicht dazu, wegen Beleidigungen durch Worte oder Karikaturen, Anzeige zu erstatten, Bücher zu verbrennen oder gar Menschen umzubringen. Dies lässt ihre Gefühle im Vergleich unbedeutend erscheinen. Aber ich kann Ihnen versichern, dass es die Vernunft vieler Menschen beleidigt, wenn z.B. ausschließlich heterosexuelle Beziehungen als “gottgewollt” bezeichnet werden.

Um es sich außer mit den Afroamerikanern, Sinti und Roma nicht auch noch mit den Atheisten zu verderben, schlage ich vor, das Wort “Gott” grundsätzlich nicht mehr zu gebrauchen. Statt “Götterspeise” gibt es nur noch “Wackelpudding”. Und “Gott” selbst ließe sich z.B. angemessen durch “imaginäres Wesen” ersetzen. Nun gut, die Überarbeitung der Bibel wird etwas mehr Aufwand erfordern. Doch dieser Aufwand wird am Ende auch dadurch belohnt werden, dass der Märchencharakter des Werkes deutlicher hervortreten wird.

Und die Moral von der Geschichte? Egal wie Du es sagst: Es gibt immer mindestens einen Idioten, der sich durch Deine Wortwahl beleidigt fühlt, notfalls stellvertretend für Andere.

Was ich während des Schreibens gehört habe:

Nichts ist unmöglich!

Ich habe diese fantastischen Vier mit dem Programm vor vielen Jahren in Braunschweig live erlebt, und halte es immer noch für eine Sternstunde des deutschen Kabaretts, welches es meines Wissens nie ins Fernsehen geschaft hat, weil die Texte weder jugendfrei noch politisch korrekt sind.

Folgen

Erhalte jeden neuen Beitrag in deinen Posteingang.

Schließe dich 566 Followern an