Optimum

Gestern schrieb ich über einen Artikel aus der Aprilausgabe von Gehirn & Geist. Darin war zu lesen, daß die ideale Tätigkeit jene ist, die einen auf Dauer weder über- noch unterfordert, weil sie den eigenen Fähigkeiten optimal entspricht. Das halte ich allerdings schon seit vielen Jahren für ein universelles Prinzip. Schon früh habe ich es zum Beipiel in der Musik entdeckt.

Was macht einen Hit oder Ohrwurm aus? So, wie der passende Job von demjenigen abhängt, der ihn macht, so hängt auch der Hit insbesondere vom musikalischen Erfahrungshorizont des Hörers ab. Denn der ideale Hit ist die perfekte Mischung aus Vertrautem und Neuem.

Neues ist – auch in der Musik – einerseits reizvoll. Aber wenn man zuviel davon auf einmal zu hören bekommt (man erinnere sich z.B. an die Zwölftonmusik), dann wirkt die Musik befremdend und anstrengend. Vertrautes hat demgegenüber den Vorteil, daß man sogleich mitsummen kann. Jedoch führt ausschließlich Vertrautes bei vielen Menschen auch zur Langeweile. Von Vorteil ist das nur dort, wo die Musik keine Aufmerksamkeit erregen und nicht ablenken, aber auf die Stimmung wirken soll. Das klassische Beispiel hierfür ist die sogenannte Fahrstuhlmusik, früher auch als Muzak bekannt.

Coverversionen, also Neuinterpretationen bekannter Stücke, sind daher potentielle Hits. Oftmals einfallslos gemacht, bieten sie dennoch eine gute Mischung aus Vertrautheit und neuen Reizen. Gute Coverversionen, die selten sind, können sogar die Popularität der Originale erreichen oder übertreffen. Schlimmstenfalls kennt kaum noch jemand das Original.

Einfallslos fand ich z.B. die bekannte Coverversion von Tom’s Diner, im Original von Suzanne Vega. Ich weiß nicht einmal mehr, wer die bescheuerte Idee hatte, einfach das an sich reizvolle A-Capella-Stück zu nehmen, und unter Suzanne Vegas Stimme einen zwar rhythmischen, aber meiner Ansicht nach überflüssigen Beat zu legen.

Einfallslos sind auch viele Übersetzungen ins Deutsche, wenn sich nämlich deutsche bzw. deutschsprachige Schlagerstars internationale Hits vornehmen. Vermutlich ist vielen nicht einmal mehr bekannt, daß Karel Gott auch mal einen Hit der Rolling Stones auf deutsch sang (Paint it black). Doch die meisten kennen noch Rudi Carrells amüsanten Hit Wann wird’s mal wieder richtig Sommer?. Aber wer weiß noch, daß das Original City of New Orleans hieß, von Steve Goodman geschrieben und aufgenommen wurde, jedoch erst durch Arlo Guthries Coverversion richtig bekannt wurde?

Manche Coverversionen sind auch einfach witzig, ohne sich über das Original lustig zu machen. So zum Beispiel dann, wenn Señor Coconut alten Songs von Kraftwerk das Elektronische nimmt, und sie stattdessen mit karibischen Rhythmen unterlegt.

Handwerklich (oder besser mundwerklich?) gut gemacht sind auch manche A-Capella-Versionen. Bewundernswert klingt Frank Zappas Musik aus den Kehlen der hannoverschen Band MayBeBop. Und Six Pack aus Bayreuth (nicht zu verwechseln mit der Coverband Sixpäck aus Wattenscheid) betten ihre hervorragenden Interpretationen von Edith Piaf bis Prince auch noch in eine unterhaltsame Bühnenshow ein. Nicht zu vergessen das völlig neue Hörerlebnis bei Bachinterpretationen der Swingle Singers.

All diese Musik ist reizvoll, weil die Musik als solche bekannt und vertraut ist – im Prinzip kann jeder sofort mitsingen oder zumindest -summen. Aber gleichzeitig ist man gespannt auf Abweichungen oder Variationen des Originals. Wer Stücke immer nur originalgetreu kopiert, wird auf Dauer keinen Erfolg haben, weil sich die Leute dann doch lieber gleich das Original antun.

Vermutlich finden U2 es sogar wichtig, daß man sie auch nach zwanzig Jahren an ihrer Musik sofort erkennt. Aber ungleich größeren Erfolg hatten z.B. die Beatles, die sich nach ihrer anfänglichen Beatphase ständig wandelten, und sich damit sozusagen immer wieder neu interpretierten. Zum Glück trennten sie sich, bevor sie wie später Genesis oder Pink Floyd in eine Art musikalische Zeitschleife gerieten.

Wie produziert man denn nun einen Hit? Indem man etwas Vertrautes neu verpackt. Das erfordert Kreativität und Geschick. Und man kann es nicht einfach nach demselben Schema ständig wiederholen, da dieses nach einiger Zeit ja vertraut sein wird. Schon die alten Römer meinten variatio delectat, und dachten dabei wahrscheinlich noch nicht an Italo-Pop.

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