Die richtigen Worte finden

Heute las ich in der Aprilausgabe von Gehirn und Geist einen Artikel unter dem Motto „Besser denken“ , der mich sehr zum Grübeln brachte. Die Autorin Anita Hermann-Ruess, eine Kommunikationstrainerin, empfahl darin, sich bei Gesprächen an den „Denkstil“ des Gegenübers anzupassen. Dem kann ich nur bedingt folgen.

Sicherlich ist etwas daran, daß wir unterschiedliche Denkstile und Wertesysteme haben. Die Autorin geht allerdings nicht darauf ein, daß dieses auch geschlechtsabhängig sein kann, was auch die zum Artikel gehörende Zeichnung nicht besonders dezent andeutet. Aber mir geht es um etwas anderes.

Frau Hermann-Ruess sieht es als eine Lösung für bestimmte Kommunikationsprobleme an, wenn man sich beim Reden auf den Denkstil des Anderen einstellt, weil man dann besser verstanden wird. Das halte ich allerdings nur für die halbe Wahrheit. Konsequenterweise müßte nämlich auch das Gegenüber, damit es verstanden wird, wiederum im Denkstil des Ersteren antworten, usw., was dazu führt, daß beide Gesprächspartner auf eine Weise reden, die nicht ihrem eigenen Denkstil entspricht.

Daß das in der Praxis nicht wirklich funktionieren kann, möchte ich an einem Beispiel illustrieren, welches viele vielleicht schon so ähnlich erlebt haben dürften.

Sie sitzen während ihres Urlaubs in Kroatien in einem netten kleinen Restaurant, und sind furchtbar stolz darauf, daß Sie (dank des Google Übersetzers) ein wenig Kroatisch auswendig gelernt haben: „pivo, molim!“. Und weil Sie das so hervorragend aussprechen, schallt es umgehend zurück: „male ili velike?“

Bevor Sie den Kellner bitten, dieses auf Ihrem Netbook in den Google Übersetzer einzutippen, versuchen Sie dann doch lieber, sich mit Händen und Füßen zu verständigen, wie es Touristen schon seit Menschengedenken tun. Und siehe da, schon bekommen Sie Ihr kleines Bier.

Auf den Artikel bezogen heißt das für mich: Wenn ich es nicht schaffe, in der Denkweise meines Gegenübers zu sprechen, bin ich sowieso aufgeschmissen, und muß mir etwas anderes einfallen lassen. Wenn es mir aber gelingt, und noch dazu gut, dann führt das meistens dazu, daß mein Gegenüber bei mir dieselbe Denkweise vermutet, und daher meint, in eben dieser antworten zu können. Und da würde mir vermutlich auch die Autorin zustimmen, daß dieses nicht der Zweck der Sache sein sollte.

Wenn, wie in dem Artikel beschrieben, unterschiedliche Denkstile vorliegen, dann gibt es meiner Ansicht nach zwei gute Lösungen, die wahrscheinlich sogar zusammenhängen. Erstens ist es, wenn man schon nicht in der Denkweise des Anderen spricht, sehr wichtig, daß man seine Denkweise versteht. Denn wenn jeder die Denkweise des Anderen versteht, dann können beide reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist.

Zweitens bietet sich etwas an, was sowohl bei Staatsbesuchen als auch aus der Informatik als „Protokoll“ bekannt ist. Das heißt nichts weiter, als daß man sich, wenn Zwei aufeinanderstoßen, die sich nicht ohne weiteres verständigen können, auf eine gemeinsame Sprache einigt. Aber auch dazu muß man die des jeweils Anderen verstehen.

Man sollte sich bei solchen Kommunikationsproblemen also nicht bemühen, die Sprache des Gegenübers zu reden, aber sie zu verstehen. Ich kann aber Frau Hermann-Ruess teilweise doch Recht geben: Um dem Gesprächspartner zu zeigen, daß man ihn versteht, ist es sehr sinnvoll, ab und zu auf seine Weise zu reden. So mögen es auch die meisten Einheimischen, wenn Touristen versuchen, wenigstens Worte wie „bitte“ und „danke“ in der Landessprache zu radebrechen.

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