Antwort an Bekkay Harrach

Mein lieber Bekkay Harrach,

leider habe ich Ihr Video nicht sehen können, nur ein Standbild daraus. Und aus Ihrer Ansprache habe ich nur Auszüge lesen können. Da Sie sich selbst aber als Deutscher bezeichnen, vermute ich, daß Sie auch die deutsche Sprache beherrschen, und somit ohne Übersetzer meine Antwort verstehen können.

Zuerst eine kurze Bemerkung zu dem Standbild aus Ihrem Video: Sie wirken sehr jung, und da Sie sich fesch angezogen haben, sehen Sie ungefähr so aus wie ich bei meiner Konfirmation. Damals in den siebziger Jahren trugen Jungs ebenfalls lange Haare, so auch ich. Allerdings ließ ich sie abschneiden, als mich eine Putzfrau an der Schule für ein Mädchen hielt. Doch das war noch vor Ihrer Geburt, Herr Harrach.

Da Ihre Kleidung und Ihr fehlender Bartwuchs jedoch keinerlei Ähnlichkeit mit anderen bekannten al-Qaida-Größen oder auch Taliban erkennen läßt, könnte man meinen, daß Sie es nicht ernstmeinen. Daher mein Tip: Nehmen Sie sich fürs nächste Video Scheich Osama bin Laden als modisches Vorbild. Das wirkt dann glaubhafter.

Vielleicht möchten Sie sich aber auch von Ihren Mitstreitern abheben? Das würde jedoch nicht dazu passen, daß Sie das „deutsche Volk“ pauschal in einen Topf werfen, und so tun, als würden „wir Deutschen“ alle einer Meinung sein und mit einer Stimme sprechen.

In Ihrem Alter hatte ich auch noch nicht ganz verstanden, was Demokratie bedeutet und wie sie (in Deutschland) funktioniert – oder auch nicht funktioniert. Bitte verstehen Sie, daß wir Stellvertreter wählen, die dann – hoffentlich – in unserem Sinne entscheiden und handeln. Da „wir Deutschen“ aber wie gesagt auch nicht alle einer Meinung sind, trifft dieses ebenso auf die von uns gewählten Volksvertreter zu. In dieser Hinsicht ist unsere Demokratie wirklich sehr repräsentativ.

Über den Abzug oder das Verbleiben der Bundeswehr in Afghanistan entscheiden nun aber bei uns die gewählten Vertreter, nicht das Volk selbst. Aber ich sage Ihnen an dieser Stelle mal meine ganz persönliche Ansicht dazu. Und ich denke, daß diese von nicht wenigen in meinem Lande geteilt wird.

Es mag ja nett erscheinen, daß Sie die deutschen Muslime explizit warnen. Ich kann Ihnen aber versichern, daß Sie der überwiegenden Mehrheit unter ihnen auch nur Angst einjagen. Denn diese sind an einem friedlichen Zusammenleben mit ihren Nachbarn interessiert. Das schreibe ich Ihnen als Nachbar einer Familie mit drei kleinen Kindern, die aus Marokko stammt.

Und die Sache mit Kiel ist doch wohl ein Witz, oder? Was soll das denn? Sollen jetzt etwa alle nach der Bundestagswahl nach Kiel ziehen? Oder sollte Kiel dann evakuiert und gesperrt werden, damit das Risiko gleich verteilt ist? Herr Harrach, könnten Sie nicht auch Kabul und Kunduz zu „sicheren Städten“ machen? Wenn Sie das schaffen, dann verspreche ich Ihnen, daß die Bundeswehr schneller abziehen wird, als wir beide es uns vorstellen können.

Sie haben hier in Deutschland studiert. War diese Zeit damals für Sie schlimmer als heute, da Sie sich irgendwo in Hütten und Höhlen in Waziristan verstecken müssen? Ich finde es jedenfalls schade, daß Sie es soweit haben kommen lassen und sich den Fundamentalisten angeschlossen haben, anstatt hier in Deutschland zu leben. Denn anderenfalls könnten Sie am 27. September vielleicht zusammen mit uns darüber abstimmen, wie sich der neue Bundestag zusammensetzen wird.

Und mit entsprechender Propaganda hätten Sie sogar noch mehr Leute auf Ihre Seite ziehen können, so daß diese ebenfalls in Ihrem Sinne abstimmen. Aber das haben Sie sich leider verscherzt, denn nun haben diese Leute, die gerne etwas bei uns und auch in Afghanistan verändern würden, vor Ihnen Angst.

Die Grünen haben sich übrigens schon immer für einen „humanitären Einsatz“ stark gemacht. Was nunmehr in Afghanistan stattfindet und vom noch amtierenden Verteidigungsminister Jung auch noch falsch kommuniziert wird, findet keineswegs die Billigung der Grünen. Deswegen jetzt einen sofortigen Abzug der Truppen zu fordern, ignoriert aber den eigentlichen Auftrag, den die Truppen einmal hatten: Beim Wiederaufbau in Afghanistan zu helfen.

Wenn Sie, Herr Harrach, vielleicht ihren Einfluß geltend machen könnten, und die Taliban dazu bewegen könnten, die Unterstützung beim Aufbau durch die Bundeswehr nicht zu gefährden, sondern vielleicht sogar selbst mitzuhelfen, dann wäre der Auftrag der Bundeswehr schneller erfüllt, und die Truppen könnten nach Deutschland zurückkehren.

Das mag ein wenig naiv klingen, ist aber keineswegs naiver als Ihre Vorstellung, Sie könnten mit einem Drohvideo die Bundestagswahl beeinflussen. Und die Vorstellung, daß man – trotz unterschiedlicher Herkunft, Muttersprache und Religion – friedlich Zaun an Zaun nebeneinander leben kann, ist keineswegs naiv, wie ich Ihnen zusammen mit meinen marokkanischstämmigen Nachbarn gerne demonstriert hätte. Ich fürchte nur, wenn Sie so weitermachen, werden wir dazu nicht mehr die Gelegenheit haben.

P.S.: Es gibt übrigens kein Leben nach dem Tod, Herr Harrach.

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2 Gedanken zu “Antwort an Bekkay Harrach

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