Religiöse Gefühle

Deutsche Städte wollen keine gottlosen Botschaften auf Bussen“ lautete eine Überschrift bei SPIEGEL Online am 18. März 2009. Und am Ende des Artikels findet sich folgender Erklärungsversuch: „Oft lautete die Begründung, dass die Kirchen sich angegriffen fühlen könnten„.

Das erinnert mich an das „Argument“, mit dem Mohammedkarikaturen oder kritische Islamausstellung bei uns zwar nicht direkt verboten, aber doch verhindert werden sollen: Es könnte sich jemand bezüglich seiner religiösen Gefühle verletzt fühlen. Aber was sind eigentlich „religiöse Gefühle“? Und vor allem: Was ist der Unterschied zwischen „verletzt sein“ und „sich verletzt fühlen“?

Wenn sich jemand aufgrund meiner Handlungen oder Aussagen verletzt fühlt, dann ist er nicht wirklich verletzt. Denn eine echte Verletzung würde bedeuten, daß ausnahmslos jeder Mensch dabei Schmerz verspürt. Ob man sich dagegen verletzt „fühlt“, hängt vor allem von der eigenen Einstellung ab.

Schon der durchaus gottesgläubige Epiktet (ca. 50-125) erkannte: „Nicht die Dinge an sich beunruhigen den Menschen, sondern seine Sicht der Dinge.“ Um es konkret auszudrücken: Nicht die ketzerische Karikatur ist es, die die religiösen Menschen aufwühlt, sondern die Einstellung bzw. Weltanschauung eben dieses Menschen sorgt für die Gefühlsaufwallungen.

Jeder Mensch ist aber ganz allein selbst für seine Gefühle verantwortlich. Denn die sogar im Grundgesetz verankerte „Freiheit des Glaubens, des Gewissens und die Freiheit des religiösen und weltanschaulichen Bekenntnisses“ geht wie alle Freiheit auch mit Verantwortung einher: Ich bin frei in meinem Denken, trage aber für die Folgen desselben die Verantwortung!

Wenn ich mich also völlig frei für eine Religion entscheide, in der z.B. das Tragen von Baseballkappen verboten ist, dann ist es einerseits meine Entscheidung, wenn ich deswegen keine Baseballkappe trage. Andererseits muß ich aber auch die Freiheit aller anderen Menschen akzeptieren, Baseballkappen zu tragen, und kann diese nicht dafür verantwortlich machen, wenn sie gegen „Gesetze“ verstoßen, denen ich mich freiwillig unterordne, und ich mich dadurch in meinen „religiösen Gefühlen“ verletzt fühle.

Nun wird aber immer wieder gerne behauptet, „religiöse Gefühle“ wären etwas besonderes, und daher besonders schützenswert. Dem widerspricht aber eindeutig das Grundgesetz, wenn es dort heißt, daß niemand wegen seines Glaubens oder seiner religiösen Anschauungen benachteiligt oder auch bevorzugt werden darf. Wenn ich aufgrund meiner Religion das Tragen von Baseballkappen als Sünde ansehe, heißt das eben nicht, daß deshalb meine Gefühle beim Anblick einer solchen Kappe besonders geschützt wären. Ich alleine trage die Verantwortung für die Folgen meines Glaubens!

Noch einmal, denn es kann gar nicht oft genug betont werden: Jeder Mensch ist frei in seinem Glauben bzw. Nichtglauben. Und die sich daraus ergebenden Folgen – wie z.B. „verletzte Gefühle“ – unterliegen der eigenen Verantwortung.

Wenn wir alle ständig darauf achten müßten, daß sich niemand verletzt fühlt, wären wir gelähmt und zu keiner Handlung mehr fähig. Jetzt mögen einige sagen (oder auch nur denken): „Aber es geht doch gar nicht um jeden Menschen, sondern vor allem um die großen Religionsgemeinschaften!“ Dem erwidere ich, daß alle Menschen vor dem Gesetz (und angeblich auch vor Gott) gleich sind, und niemand – auch keine Gemeinschaft – aufgrund ihrer Religion benachteiligt oder bevorzugt werden darf. Wir dürften also nicht einfach nur die „religiösen Gefühle“ der Christen, Juden, Moslems, etc. schützen, sondern müßten alle Gefühle aller Menschen unter besonderen Schutz stellen. Natürlich geht das nicht, und aus diesem Grund sind Gefühle, ob religiös oder nicht, auch nicht durch das Gesetz geschützt.

Wenn sich also die Kirchen von einer atheistischen Buskampagne angegriffen „fühlen“, so ist das allein das Problem der Kirchen. Ein wenig mehr Souveränität würde ihnen gut stehen, aber Religionen haben es wohl wie auch andere Ideologien an sich, daß sie reflexartig aufjaulen, wenn ein „Außenstehender“ Recht von seiner Freiheit des Glaubens und der Meinungsäußerung macht.

Ich habe auch den Eindruck, daß religiöse Menschen gerne ihre eigene Verantwortung verdrängen, indem sie zumindest Teile ihres Lebens „in Gottes Hand legen“. Wobei Gott natürlich nur für die positiven Aspekte zuständig ist. Wenn aber negative Gefühle auftauchen, dann muß dafür „das Böse“, oft in der Gestalt von Ungläubigen, verantwortlich sein. Daß die Ursachen für die eigenen Gefühle in den eigenen Einstellungen zu suchen sind, und damit auch in der Religion, scheint für die meisten Gläubigen kein Thema zu sein. Wer aber von der Freiheit des Glaubens Gebrauch macht, muß auch die Verantwortung für die Folgen übernehmen.

Kommen wir zu der Frage, wieso sich eigentlich religiöse Menschen durch die (öffentliche) Behauptung, daß es keinen Gott gibt, verletzt fühlen. Ein Gefühl, welches Atheisten hinsichtlich der Behauptung, daß es einen Gott gäbe, nicht teilen – obwohl sie sich damit im Alltag sehr viel öfter konfrontiert sehen. Ich will gar nicht alle Aspekte ausdiskutieren, sondern nur meine Ansicht mitteilen. Ich halte Neid oder Mißgunst, bzw. einen fehlgeleiteten „Gerechtigkeitssinn“ für ursächlich.

Wir empfinden es als gerecht, wenn es z.B. im Grundgesetz heißt: „Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.“ Das bedeutet aber auch: Jeder darf ein glückliches Leben führen, unabhängig davon, ob er an Gott glaubt, oder nicht. Unabhängig davon, ob er sich freiwillig religiösen Vorschriften unterwirft, und versucht diese einzuhalten.

An dieser Stelle fragt sich vielleicht mancher Gläubige, wozu er die Auflagen seiner Religion eigentlich auf sich nehmen soll, wenn er dadurch keinen Vorteil hat. Es bliebe vielleicht noch der Trost auf Vorteile nach dem Ableben, doch auch gerade dieses wird von Atheisten durch die Weigerung, überhaupt an irgendetwas nach dem Tode zu glauben, bestritten. Aber Zweifel sind in den meisten Religionen nicht gestattet, und eine beliebte Antwort darauf ist: „Wenn Du zweifelst, dann ist Dein Glaube nicht stark genug.“ Daher wundert es nicht, daß viele religiöse Menschen bei Zweifeln noch tiefer in ihren Glauben flüchten, anstatt sich von ihm zu befreien, was ja ebenso ihr gutes Recht wäre.

Wenn sich nun aber der eigene Glauben als „nicht vorteilhaft“ gegenüber anderen Weltanschauungen herausstellt, dann neigen viele Gläubige dazu, ihre Religion zu überhöhen, und gegenüber anderen Religionen und insbesondere gegenüber den Ungläubigen als überlegen darzustellen. Darauf beruht sozusagen das Selbstwertgefühl einer Religion. Und daran darf natürlich niemand kratzen. Falls es dennoch jemand wagen sollte, dann fühlt sich der Gläubige mangels anderer Argumente halt „in seinen religiösen Gefühlen“ verletzt.

Eines Lösung dieses Konflikts läge meiner Meinung nach nicht nur in einer strikten Trennung von Kirche und Staat, sondern in dem völligen Rückzug des Religiösen in den privaten Bereich. Wenn Religion komplett aus der Öffentlichkeit verschwinden würde, verschwände damit auch der Atheismus aus der Öffentlichkeit, und niemand müßte sich noch in seinen religiösen Gefühlen verletzt fühlen. Doch dieser Wunsch wird vorerst daran scheitern, daß sich – in Deutschland vor allem die christlichen – Kirchen ihre Macht und ihren Einfluß sichern wollen.

Wenn wir also weiterhin damit leben müssen, daß die Kirchen in der Öffentlichkeit Einfluß zu nehmen versuchen, dann müssen auch die Kirchen bzw. ihre Anhänger damit leben, daß es auch Menschen geben wird, die ihre gegenteilige Ansicht verbreiten. Da hilft es auch nicht, diese als „Ungläubige“ zu verunglimpfen. Wer in einer friedlichen Welt leben möchte, der läßt Andersdenkenden oder -gläubigen, nicht nur die vom Grundgesetz verbriefte Freiheit ihres Glaubens bzw. Unglaubens, sondern darüber hinaus auch die Freiheit der Meinungsäußerung.

Denn das Problem erwächst nicht aus den Freiheiten an sich, sondern aus den Versuchen, anderen Menschen diese Freiheiten zu nehmen. Ich kann vieles tolerieren, aber keinesfalls Intoleranz.

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