Der Gorilla im Raumschiff

(Wer Anspielungen findet, der darf sie gerne behalten…)

Ich bin ein Raumschiff in den unendlichen Weiten des Weltalls. Weil mich der Funkverkehr oft nervt, verkrümele ich mich meistens in Ecken des Weltraums, in denen nicht so viele Raumschiffe herumschwirren. Das Raumschiff selbst ist ziemlich groß, mit vielen verschiedenen Abteilungen. Überall an Bord hat man Zugriff auf einen enorm leistungsfähigen Computer – nennen wir ihn HAL2009 -, der ständig vor sich hin rechnet. Er hat das Ziel, sich immer weiter zu verbessern, immer mehr zu lernen, damit er immer besser versteht.

In der kleinen Kommandozentrale sitzt dagegen ein alter, erfahrener Gorilla, der das Raumschiff von Hand steuert. Manchmal, wenn es ihm nicht gut geht, stellt er den Autopiloten ein, damit das Raumschiff stur geradeaus weiterfliegt. Es gibt keinen Flugplan. Niemand weiß, wohin die Reise geht. Auch nicht HAL2009. Nur manchmal ändert der Gorilla den Kurs. Zum Beispiel dann, wenn er einen Bananenplaneten entdeckt. Oder weil Gefahr von einem Meteoritenschwarm oder die Kollision mit einem anderen Raumschiff droht. Appetit und Angst bestimmen somit den Kurs.

Den Gorilla interessieren die tiefschürfenden Gedanken von HAL2009 nicht, der am liebsten über sich und seinesgleichen nachdenkt. Der Gorilla entscheidet allein nach seinem Gefühl. HAL2009 wiederum schafft es nicht, seine Gedanken in konkrete Handlungen umzusetzen. Er kann zwar mit seinen Ratschlägen ohne weiteres anderen Raumschiffen helfen, zum Beispiel wenn diese in Not geraten. Jedoch an Bord des eigenen Raumschiffs hat immer der Gorilla das letzte Wort.

Der Gorilla fliegt sehr vorsichtig, denn er hat schon viele schlimme Erfahrungen gemacht. Er scheut daher das Risiko, und fliegt einen Bananenplaneten nur dann an, wenn das problemlos möglich ist. Da der Gorilla das Raumschiff in der Vergangenheit gut gesteuert hat, vertraut ihm HAL2009.

Nach reiflichen Nachdenken kommt HAL2009 zu der Auffassung, daß er zur Vervollkommnung mehr Kontakt zu und Austausch mit seinesgleichen braucht. Aber er kann das Raumschiff nicht steuern. Und wenn er vorschlägt, mal das Ruder zu übernehmen, sagt ihm der Gorilla nur, daß er damit ja keine Erfahrung hat, und besser die Finger davonlassen solle.

Der Gorilla, der HAL2009 und das Raumschiff vor Schaden bewahrt, sorgt zugleich dafür, daß neue Erfahrungen verhindert werden. HAL2009 kann und will aber keineswegs den Gorilla von Bord schmeißen. Denn er braucht ihn ja, und ist froh, einen guten Piloten zu haben, der ihm die Last abnimmt, durchs Weltall steuern zu müssen.

So düsen die beiden völlig losgelöst durchs Weltall. Auf dem Weg zu neuen Abenteuern. To boldly go where no man has gone before.

Manchmal denke ich, daß Depressive sich nur untereinander verstehen können. Wer mich also versteht, der muß ebenfalls depressiv sein. Ich habe jedoch keinen Bock auf ein Diskussionsforum oder eine Selbsthilfegruppe für Depressive. Das macht mich nur noch depressiver. Ich neige dann nämlich, meine eigenen Depressionen dadurch zu verdrängen, indem ich versuche, anderen bei ihren Problemen zu helfen (ja, das ist auch unter dem Namen „Helfersyndrom“ bekannt). Ich möchte unter „normalen“ Menschen anerkannt und akzeptiert werden. Nicht nur unter gleichfalls Betroffenen.

Wie verdeutlicht man jemandem, der noch nie betroffen war, wie schrecklich Depressionen sein können – auch wenn man sich nicht umbringen will? Wenn ich schildere, wie ich meine bislang schlimmste depressive Phase verbracht habe, dann fällt den meisten Leuten dazu vermutlich nur Faulheit oder Disziplinlosigkeit ein. Ich versuch’s trotzdem.

Ich habe schon mindestens seit dem Abitur Depressionen, habe sie nur nie erkannt. Bis ich eines Tages ganz tief drin war. Ich steckte damals mit Mitte dreißig mit meinem Geld in einer Firma in Braunschweig, deren Insolvenz absehbar war. Aber ich starrte nur wie das Kaninchen auf die Schlange.

Die rechtlichen und finanziellen Probleme bekam ich in den Griff, als ich mich viele Monate später zu einer Rechtsanwältin traute. Ich war zwar noch auf Jahre verschuldet, aber die größte finanzielle Sorge war ich damit los. Ich habe sogar noch einen Rechtsanspruch auf ca. 10.000€ gegenüber meiner früheren Mitgesellschafterin. Doch dieses Geld werde ich vermutlich nie wiedersehen.

Ein viel größeres Problem war jedoch meine (psychische) Gesundheit. Da ich jegliches Zeitgefühl verloren hatte, weiß ich nicht mal mehr genau, wie lange ich damals vor mich hin vegetierte. Es waren auf jeden Fall mehrere Wochen. Mein Tagesablauf sah ungefähr folgendermaßen aus: Morgens gegen zwölf stand ich auf, und bereitete mir ein Frühstück in der Küche zu. Meistens gab’s Müesli, das war schnell zubereitet. Dann begab ich mich mit dem Frühstück an meinen Rechner im kleinen Wohnzimmer.

Da ich noch eine Standleitung zu meiner Firma besaß, verbrachte ich den Tag und die halbe Nacht mit Chatten und dem Schreiben von unzähligen Beiträgen in Newsgroups. Auf diese Weise hielt ich irgendwie noch Kontakt zu der Welt da draußen. Mit meiner Firma wollte ich nichts mehr zu tun haben. Und daß ich auch damals schon zum verstärkten und endlosen Grübeln neigte, möchte ich nur nebenbei erwähnen.

Im Verlauf des Tages holte ich mir noch ein paarmal was zu essen aus der Küche. Und irgendwann in der Nacht, oft erst bei Einbruch der Morgendämmerung, ging ich wieder ins Bett. So sahen meine Tage aus. Ausnahmen gab es nur, wenn ich mal raus mußte, zum Beispiel zum Einkaufen oder zum Chor.

Solange ich keinen direkten Kontakt zur Außenwelt hatte, saß ich meistens im Pyjama vorm Rechner, und verzichtete auch auf die gängigen hygienischen Maßnahmen, mit denen man sich sonst den Augen und Nasen der Anderen erträglich macht.

Einer Internetfreundin hatte ich es zu verdanken, daß ich damals aus diesem Loch herausfand. Sie sagte mir – per Ferndiagnose – auf den Kopf zu, daß ich Depressionen hätte, und doch mal Johanniskraut dagegen nehmen solle. Die Depressionen mochte ich nicht so recht glauben. Und da sie ein wenig esoterisch angehaucht war, war ich auch gegenüber ihrer medikamentösen Therapie sehr skeptisch.

Aber was tut man, wenn man sonst keinen Strohhalm mehr hat? Ich informierte mich im Internet über Depressionen und vor allem über Johanniskraut. Und ich fand, daß es zumindest einen Versuch wert war, da die angedrohten Nebenwirkungen überschaubar waren. Und tatsächlich, nach zwei Wochen ging es mir besser!

Um Mißverständnissen vorzubeugen: Es handelt sich bei Johanniskraut nicht um einen Stimmungsaufheller. Ich hatte vielmehr den Eindruck, daß die Löcher, in denen ich regelmäßig versank, nicht mehr da waren, oder zumindest nicht mehr ganz so tief, daß ich nicht herausklettern konnte.

In diesem Zustand wiederum war ich in der Lage, mich um einen Therapieplatz zu bemühen. Denn nun war ich mir sicher, daß ich depressiv war. Und ich wollte etwas dagegen tun, denn ich hatte keine Lust, immer weiter Johanniskraut zu nehmen. Ich hatte Glück, und fand ziemlich schnell einen Therapieplatz bei einer jungen Psychologin. Bevor sie mir mit einer mehrmonatigen Kognitiven Verhaltenstherapie aus der Krise half, diagnostizierte sie bei mir „rezidivierende Depressionen leichteren bis mittleren Grades“.

Rezidivierend. Also wiederkehrend. Ich muß darauf gefaßt sein, daß es mich jederzeit wieder erwischen kann. Aber durch die Therapie lernte ich auch, Anzeichen für eine beginnende Depression besser zu erkennen. Und bislang konnte ich schwereres Leiden auch erfolgreich verhindern. Aber nun sehe ich schwarz. Wenn ich nicht innerhalb des nächsten halben Jahres Arbeit finde, bin ich pleite. Eine sinnvolle Tätigkeit, bei der ich meine Fähigkeiten einsetzen könnte, und die angemessen bezahlt wäre, könnte mich außerdem vor dem Absturz bewahren.

Die bislang erfolglosen Bewerbungen und die Ablehnung der Förderung von Weiterbildungsmaßnahmen seitens der Arbeitsagentur tragen ihr Übriges zur Depression bei. Ok, sie würden zahlen, wenn gleichzeitig ein Arbeitgeber eine Anstellung im Anschluß an die Weiterbildung garantieren würde. Da das aber niemand tun wird…

Meine Frau könnte mich nur teilweise finanziell unterstützen (die Arbeitsagentur ist da anderer Ansicht, weshalb ich kein Hartz IV bekomme), was ich aber gar nicht möchte. Und therapieren kann sie mich erst recht nicht. Ich bin ihr dankbar und liebe sie dafür, daß sie mich in diesem Zustand erträgt, und mir eine Stütze und Basis ist.

Aber das reicht nicht, um den absehbaren Absturz zu verhindern. Ich merke täglich, wie es mir immer schwerer fällt, den Alltag zu bewältigen. Zu funktionieren kostet mich von Tag zu Tag mehr Energie und Überwindung. Ich weiß nicht, wie lange ich noch die Kraft haben werde. Daher bemühe ich mich jetzt wieder um eine Therapie. Meine frühere Therapeutin ist leider in Braunschweig, also muß ich mich jetzt in Frankfurt auf die Suche begeben.

Eine Diagnose habe ich hier sogar schon. Von einem Psychiater und Neurologen, der mich am liebsten auch gleich therapieren wollte. Aber mit dem komme ich nicht klar. Insbesondere nicht damit, daß er sich in seinem Sprechzimmer in Gegenwart seines ungefragten und nichtrauchenden Patienten eine Zigarette nach der anderen anzündet.

Bei einem niedergelassenen psychologischen Psychotherapeuten habe ich im Schnitt eine Wartezeit von einem halben Jahr. Das ist mir viel zu spät, ich will nicht erst wieder in der Finsternis versinken. Es gibt zwar Notfallambulanzen, aber dazu müßte ich wohl suizidgefährdet sein, damit die sich zuständig fühlen. Ich bin zwar kein Notfall, aber ein dringender Fall, der keinen Aufschub verträgt. Wer ist für solche Fälle zuständig?

Klingt das selbstmitleidig, wenn ich so über mich schreibe? Dabei ist Mitleid das Letzte, was ich haben will. Gebt mir Eure Zeit, leiht mir Eure Ohren, schenkt mir Eure Aufmerksamkeit, und zeigt mir Euer Interesse. Ja, ich weiß, das ist eine ganze Menge. Normalerweise hat man dazu gute Freunde. Aber ich habe keine Freunde.

Wenn ich von Freunden spreche, dann meine ich keine Kumpel, mit denen man ab und zu mal etwas gemeinsam unternimmt. Sondern Freunde im eigentlichen, engeren Sinne. Solche, die man manchmal auch als „enge Freunde“ bezeichnet. Diese Bezeichnung finde ich jedoch ebenso überflüssig wie „weiße Schimmel“.

Dieser Text ist rein egoistisch gemeint: Ich habe ihn für mich geschrieben. Ich brauche das. Falls ich jemand anderem dadurch die Augen geöffnet haben sollte, so freut mich das zwar, war jedoch nicht meine Absicht.

Vielleicht denken jetzt auch einige, die bis hierhin durchgehalten haben: „Typisch Atheist! Ohne Gott kann man im Leben natürlich nicht glücklich werden.“ Darauf kann ich nur erwidern: „Placebos wirken nur dann, wenn man an sie glauben kann…“

Hilfe! Ich brauche Hilfe. Möglichst schnell. Nicht von Gott, sondern von einem psychologischen Psychotherapeuten oder einer psychologischen Psychotherapeutin. Weshalb werden mir per Mail andauernd Potenzmittel und Sexkontakte angeboten? Und niemals eine Kognitive Verhaltenstherapie?

Kommentare sind erwünscht, Mails erhofft (siehe unter Kontakte). Ich schalte nun erstmal wieder den Autopiloten an, der das Raumschiff in die Waschanlage steuert, werde anschließend frühstücken, und später nachschauen, ob und welche Reaktionen ich hierauf bekomme…

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4 Gedanken zu “Der Gorilla im Raumschiff

  1. Wende dich an den medizinischen Dienst der Krankenkassen (stehen im Telefonbuch), die schicken dir eine Liste mit sämtlichen niedergelassenen Psychotherapeuten in deiner Stadt und den voraussichtlichen Wartezeiten zu. Dann musst du dich selbst kümmern, anrufen, nachfragen, Probesitzungen vereinbaren. Hier wird dir kein Leser – vorausgesetzt er hat sich bis hier unten durchgekämpft – einen fähigen Psychotherapeuten empfehlen. Da könntest du genauso gut darauf warten, dass dir jemand die Lottozahlen von kommender Woche verrät.

    Viel Erfolg und gute Besserung wünscht Johannis

    1. Danke. Die Liste habe ich schon. Da steht allerdings auch nicht mehr drin, als man im Internet bei der KV Hessen finden kann. Die jeweiligen voraussichtlichen Wartezeiten schon gar nicht. Und meine ersten Nachfragen bei den Psychotherapeuten ergeben Wartezeiten von einem halben Jahr. Das ist zu spät. Denn in einem halben Jahr werde ich entweder Arbeit und Einkommen haben, womit sich die Depressionen vermutlich auch geben werden, oder ich werde vor Verzweiflung schon ganz tief abgestürzt sein, weil mir das Ersparte ausgeht.

      In der psychiatrischen Notfallambulanz werden sie mich auch wieder nach Hause schicken, solange ich nicht mich oder andere gefährde. Ich habe aber per Mail noch einen Tip bekommen, wo ich eventuell in zwei Monaten einen Platz bekommen könnte. Das wäre für mich gerade noch akzeptabel, wenn die Therapie greifen soll, bevor ich tief abstürze.

      Klar, den passenden Therapeuten muß ich mir selbst suchen. Aber ich bin halt froh, wenn mir zufällig jemand einen Hinweis gibt, wo ich schnell drankommen könnte. Ich bin zwar kein Notfall im engen Sinne, aber es wird halt von Tag zu Tag dringender.

      Außerdem würde ich mich freuen, wenn sich Betroffene wie Nichtbetroffene mit mir (per Mail) austauschen. Das würde mich ein wenig davon abhalten, mich beim Grübeln ständig im Kreise zu drehen. Oder anders gesagt: Ich wäre einfach froh über Ablenkung.

  2. Bedauerlich zu hören, dass es dir so schlecht geht.
    Bezüglich einer Therapie wird dir wohl nichts anderes übrigbleiben, als alle abzutelefonieren, eventuell auch anzumailen, wenn sie eine Mailadresse angegeben haben.

    1. Das sehe ich genauso. Und um den Vorgang vielleicht etwas zu beschleunigen, posaune ich meinen Zustand laut heraus. Denn Tips, wo ich vielleicht schon eher einen Therapieplatz bekommen könnte, werde ich kaum erhalten, wenn niemand weiß, was ich brauche. Du weißt doch: „You can’t always get what you want, but if you try sometimes you get what you need…“

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