Aus der Schweiz kommt nicht nur Käse

Das Verbot des Minarettbaus in der Schweiz ist nicht wirklich eine Einschränkung der Religionsausübung. Genauso wenig wie das Verbot von Kruzifixen in Klassenzimmern durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Aber es ist ungerecht, solche Vorschriften, die den Glauben dahin zurückdrängen, wo er hingehört – nämlich ins Private -, nur einzelnen Religionen angedeihen zu lassen. Wie kann man Minarette verbieten, ohne gleichzeitig auch Kirchtürme zu verbieten? Zumindest in Deutschland gilt, daß niemand aufgrund seiner Religionszugehörigkeit bevorzugt oder benachteiligt werden darf.

Aber die Angst vor dem islamistischen Terrorismus scheint vielen Leuten den Kopf zu vernebeln. Wieso wehren sie sich nicht auch gegen eine Institution, die nicht nur vor vielen Jahrhunderten Menschen mit Gewalt zum Glauben zwang, sondern auch noch im letzten Jahrhundert Hitlers Truppen den Segen gab, nach dem Krieg Kinder in Heimen mißhandeln ließ, und auch heute noch immer wieder wegen Kindesmißbrauch durch ihre „Würdenträger“ in die Schlagzeilen gerät? (Von den vielen kleinen Skandalen und Hetze gegen Andersdenkende mal ganz zu schweigen.) Die Antwort ist einfach: Weil diese Institution, welche als Römisch-Katholische Kirche bezeichnet wird, bei uns immer noch zuviel Macht hat.

Das Problem ist: Die Kirche hat viele Traditionen und Rituale an sich gerissen, von denen nun niemand mehr lassen mag. Nichts gegen Traditionen und Rituale, doch sollte man immer bereit sein, diese von Zeit zu Zeit auch zu hinterfragen. Das Argument „das habe ich schon als Kind gemacht, genauso wie meine Eltern und meine Großeltern“ hat zwar etwas heimelig Nostalgisches, verschleiert jedoch die Gefahren. Denn nicht alles, was unsere Großeltern gemacht haben, war gut. Und nicht alles, was wir als Kinder gemacht haben, ist auch noch für uns als Erwachsene sinnvoll.

Diese konservative Weltanschauung nach dem Motto „das haben wir schon immer so gemacht“ trägt dazu bei, daß sich uralte, ja teilweise mittelalterliche Denkweisen verfestigen, und Innovation und Kreativität die Tür verschlossen bleibt.

Liebe Schweizer, ich weiß, daß Ihr nicht in die EU kommen wollt. Aber die Zeiten haben sich geändert. Und wenn Ihr weiterhin Euren Sonderweg beschreiten wollt, dann wird es eines Tages zu spät sein. Denn dann wird man sich nicht nur bei der Türkei, sondern auch bei der Schweiz fragen müssen, ob dieses Land überhaupt schon in die EU paßt, die nicht nur für Demokratie, sondern auch für Menschenrechte stehen will.

Ergänzung nach einer Woche:

Ich kritisiere übrigens nicht die Entscheidung der Schweizer. Das steht mir nicht zu. Ich kritisiere, daß überhaupt über eine solche Frage abgestimmt wird. Die Frage selbst nämlich verstößt gegen die Gleichbehandlung aller Religionen. Und sie würde auch mich in ein Dilemma führen, ähnlich jenem, welches man bei der Frage „Schlagen Sie eigentlich immer noch ihre Frau?“ empfindet.

Meine Positon ist eindeutig: Ich möchte den Einfluß der Religionen in der Öffentlichkeit zurückdrängen. Das Ziel wäre also ein laizistischer Staat. Aber ich wüßte dennoch nicht, wie ich als Schweizer abgestimmt hätte. Denn ich bin nicht gegen Minarette an sich, würde aber schon gerne der Ausbreitung des Islam etwas entgegensetzen. Nur widerstrebt es mir, die Religionen unterschiedlich zu behandeln.

Ich glaube, es gäbe für mich nur einen Ausweg aus diesem Dilemma: Ich würde gegen Minarette stimmen, und gleichzeitig vor einem schweizer Gericht klagen, daß die Wahl mit einer anderen, menschenrechtlich unbedenklichen Fragestellung wiederholt wird, weil die Religionen gleichbehandelt werden müssen. Und ich hoffe, daß ein paar Schweizer auch auf diese Idee kommen werden. Denn sonst gilt weiterhin der letzte Absatz vor dieser Ergänzung…

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