Vom Wissen und vom Glauben

Schon vor mehr als zweitausend Jahren gab es Hochkulturen, die technisch bereits erstaunlich weit entwickelt waren: Die Babylonier, die Ägypter, die Griechen und natürlich auch die Römer. Zu den Glanzleitungen dieser Kulturen gehören unter anderem der Streitwagen, die Pyramiden, Heilkünste, künstliche Bewässerung und gewaltige Aquädukte, Kriegsmaschinen und die Entdeckung und Formulierung astronomischer, physikalischer und mathematischer Gesetzmäßigkeiten.

Nun stellen wir uns vor, vor ca. 1700 Jahren hätten sich ein paar „Wissenschaftler“ hingesetzt, all das Wissen ihrer Zeit aufgeschrieben und in einem monumentalen Werk zusammengetragen. Nichts anderes taten die Priester des Christentums, als sie alle Erzählungen um Jahwe und den Zimmermannssohn Jesus in einem Werk sammelten, nur mit einem kleinen Unterschied: Diese Priester legten fest, daß ihr Werk auf alle Zeiten heilig sei und unverändert gelten sollte.

Und genau deswegen bekam das Christentum Probleme, als in den folgenden Jahrhunderten Menschen wie z.B. Nikolaus Kopernikus, Galileo Galilei, Johannes Kepler, Isaac Newton, Charles Darwin, Sigmund Freud oder Albert Einstein revolutionäre Ideen hatten, die vor 1700 Jahren noch nicht aufgeschrieben werden konnten. Die Wissenschaft hat eben keine „heiligen Bücher“, sondern lebt gerade davon, daß wirklich alles, was jemals in ihrem Namen verbreitet wurde, prinzipiell widerlegt werden kann.

Wissen darf nicht mit Gewißheit verwechselt werden. Wer Gewißheit sucht, wird eher bei der Religion als in der Wissenschaft landen. Denn die Wissenschaft ist kein Trostspender, sondern der Versuch, die Welt zu verstehen.

Auch unsere Entwicklung vom Kind zum Erwachsenen beginnt mit einer Phase, in der wir (in meinem Fall war es auch nicht anders) mit vielen tollen Geschichten aufwachsen: Grimms Märchen, die Kinderbibel, Erzählungen und Geschichten von Weihnachtsmännern, Osterhasen und Klapperstörchen. Warum eigentlich? Wieso erzählt jede Elterngeneration ihren Kindern aufs Neue diese Märchen, an die sie selbst nicht mehr glaubt?

Nein, ich will die Märchen nicht abschaffen. Sie sind zwar – gerade bei den Gebrüdern Grimm – manchmal etwas gewalttätig, erfüllen aber durchaus einen Zweck. Und sie regen die Fantasie an. Deshalb kann man sie sogar noch als Erwachsener lesen und genießen.

Doch nicht nur in der Geschichte der Menschheit, sondern auch während der Entwicklung zum Erwachsenen findet eine Phase der Aufklärung statt. Und anschließend wissen wir, daß Märchen eben nur Märchen sind, daß Kinder nicht vom Klapperstorch, sondern vom Koitus kommen, und der Wolf eigentlich gar nicht so böse ist, wie Märchen seit Jahrhunderten von ihm behaupten.

Nur merkwürdigerweise überlebt manchmal der Glaube an den lieben Gott, trotz aller Aufklärung. Was unterscheidet die Bibel von Grimms Märchen? Sind die Geschichten der Bibel „wahrer“, weil das Buch älter ist? Das wäre so, als würde man eher den Heilkünsten der alten Ägypter vertrauen, als den Erkenntnissen z.B. eines Robert Koch.

Ich las einmal ein seltsames Argument eines Theologen, der meinte, an Gott müsse doch etwas dran sein, denn schon Kinder glauben an ihn. Mit diesem Argument müßte dann aber auch etwas am Osterhasen und am Klapperstorch dran sein. Doch genau umgekehrt wird ein Schuh daraus: Kinder glauben noch an den Weihnachtsmann und auch noch an den lieben Gott. Wer als Erwachsener noch an die Gestalten seiner Kindheit glaubt, wird allgemein belächelt und nicht ernstgenommen. Nur nicht dann, wenn es um Gott geht. Was hat Gott, was der Osterhase und „mein Freund Harvey“ nicht haben?

Klar ist, daß der Glaube an Gott den Gläubigen etwas gibt. Vielleicht ist Gott einfach nur Weihnachtsmann, Osterhase, Klapperstorch, Rotkäppchen, mein Freund Harvey in einer einzigen Gestalt? Man braucht also nicht für jede Kleinigkeit an jemand anderen glauben. Stattdessen ist Gott für alles da. Nur brauche ich als Erwachsener nicht mehr den Glauben an Märchengestalten, und daher auch kein Wesen, welches all deren Eigenschaften in sich vereint.

Jeder mag glauben, was er will. Diese Freiheit garantiert auch das Grundgesetz. Doch bitte laßt mich mit dem Osterhasen oder dem lieben Gott in Ruhe. Denn auch mir ist die Freiheit garantiert: Die Freiheit, nicht zu glauben.

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