Nein.

Versuch einer Antwort auf „Existiert das Böse?“ von Andreas Müller.

  1. Ich kann nicht böse sein, da ich entweder meinen moralischen Vorstellungen entsprechend lebe. Oder ich werde gut, indem ich meine moralischen Vorstellungen an mein Verhalten anpasse.
  2. Daraus folgt, daß die Bösen nur die Anderen sein können.
  3. Da für jeden Anderen aber ebenfalls das unter 1. Gesagte gilt, gibt es keine bösen Menschen.

Wo bleibt dann „das Böse“? Solange sich die Menschheit nicht auf einen einzigen Maßstab einigen kann, wird das Adjektiv „böse“ immer nur relativiert gebraucht werden: böse im Sinne des Islam, böse im Sinne der Bibel, böse im Sinne der Menschenrechte.

Vielleicht solltest Du einfach mal Mahmud Ahmadinedschad, Osama bin Laden oder Kim Il Jong zum selben Thema interviewen? Die sind vermutlich derselben Meinung wie Andreas, daß es das Böse gibt. Nur orten sie es ganz woanders.

Wenn ich wie z.B. die katholische Kirche an eine endgültige Wahrheit glauben würde, dann könnte ich auch glauben, daß dieser Wahrheit entsprechend auch das Böse existiert, welches jene Wahrheit zu vernichten sucht. Doch ich glaube nicht daran.

Ein Teil von jener Kraft, die stets das Böse will, und stets das Gute schafft.

Mephistopheles, das personifizierte Böse aus Goethes bekannter Trägödie, erfüllt nur als Gegenspieler Gottes einen Zweck. Glaubt man nicht an Gott, wird Mephisto vielmehr zu einem boshaften, aber unterhaltsamen Schalk. (Heutzutage würde so einer die „Versteckte Kamera“ moderieren…) Das Böse an sich stellt man sich anders vor, vielleicht eher wie Hitler, Stalin oder Idi Amin.

Ich bin sehr vorsichtig mit dem Etikett „böse“. Ich wende mich zwar auch gegen das, was ich nicht tolerieren kann, weil es nicht meinen Moralvorstellungen entspricht. Doch bin ich mir bewußt, daß ich mit meiner Moral keinen Anspruch auf die alleinige Wahrheit habe. Zumal sich meine Vorstellungen darüber ja auch ändern können. Und das ist auch gut so.

Im obigen Interview ist immer wieder von „wir“ die Rede. Wen meinst Du damit? Wir Guten, die wir genau wissen, wer böse ist? Ich lasse mir aber nicht von anderen sagen, wer gut und wer böse ist (habe ich von Brian Cohen bei seiner berühmten Predigt gelernt). Stattdessen muß ich an dieser Stelle doch mal die Bibel zitieren (Matthäus 7,20): „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“ Früchte, die nicht meinen Qualitätsvorstellungen entsprechen, werde ich nicht tolerieren, sondern ablehnen.

Aber nur, weil ich manche Verhaltensweisen rigoros ablehne, bezeichne ich die Menschen, die so handeln, dennoch nicht als böse. Im aktuellen SPIEGEL steht ein Artikel über Psychopathen. Ich habe ihn noch nicht gelesen, doch deutet die Zusammenfassung im Inhaltsverzeichnis darauf hin, daß diese Menschen ein verändertes, gestörtes Gehirn haben. Da erscheint es mir sinnvoller, sie nicht als böse zu titulieren, sondern je nach „Heilungsaussichten“ als krank oder behindert.

Und damit ändert sich die Frage „wie soll man mit dem Bösen umgehen?“ in „wie soll man mit Menschen umgehen, die ihr zerstörerisches Verhalten als normal empfinden?“ Oder anders gesagt: Man kann einen „Bösen“, der sich selbst für gut hält, nicht einfach so vom Bösen abbringen.

Ich glaube nicht, daß uns das Adjektiv „böse“ bei all diesen Problemen irgendwie weiterhilft. Im Gegenteil.

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Ein Gedanke zu “Nein.

  1. Ich kann das, wie bei Andreas/Feuerbringer kommentiert, nur unterstützen. Es gibt demzufolge, schlicht und einfach, kein „gut“ und kein „böse“. Ja, das ist ein böser Satz. Wer, frei von Schuld, schmeißt nun den ersten Stein?

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