Aus aktuellem Anlaß: Homöopathie reloaded

Nachdem der SPIEGEL es in Heft 28/2010 auf der Titelseite plaziert hat, und sowohl Antje Schrupp als auch mein Parteifreund Till Westermayer etwas dazu gebloggt haben, muß ich das Thema doch nochmal aufgreifen – obwohl eigentlich dazu bereits alles irgendwo gesagt oder geschrieben wurde. Denn ich lese alle drei gerne, bin aber in diesem Fall etwas anderer Ansicht als Antje und Till.

Die Parallelen zu einer Diskussionen zwischen Gottesgläubigen und Atheisten sind frappierend. Ein Gott läßt sich ebensowenig beweisen wie die Homöopathie an sich. Aber niemand bestreitet, daß in beiden Fällen vor allem der Glaube eine heilsame Wirkung zeigen kann. Wenn Gebete oder Zuckerpillen nicht wirken, dann liegt es an der mangelnden Glaubensstärke. Religion hat jedoch im Gegensatz zur Homöopathie unerwünschte Nebenwirkungen.

Etwas, was aber nur dann Auswirkungen auf mich hat, wenn ich daran glaube, interessiert mich wenig. Dann könnte ich genauso z.B. an das Fliegende Spaghettimonster glauben, wenn mir danach wäre. Wenn Gott oder Globuli an sich eine nachweisbare Wirkung hätten: Wieso weist die dann niemand nach? Wenn aber nicht nachweisbar ist, daß genau jenes Auswirkungen auf mich hat, dann hat es keine Auswirkungen. Leider neigt der Mensch dazu, gerade Effekte, die er sich nicht erklären kann, mit „Gewalt“ in sein Weltbild einzuordnen. Somit wird dann eine Heilung schon mal auf ein Gebet oder ein paar Zuckerkügelchen zurückgeführt.

Und Antje, es ist die Kirche, nicht die Wissenschaft, die meint, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben (und einige Homöopathen offensichtlich auch). Die Wissenschaft lebt ganz im Gegenteil davon, die Welt und die eigenen Erklärungen immer wieder infragezustellen. Und sie hat, wie Du zu recht bemerkt hast, nicht viel mit dem zu tun, was in der Gesellschaft über sie verbreitet wird. Gerade Skeptizismus ist per definitionem kein abgeschlossenes Weltbild. Nur Gläubige leben in ständiger Angst, daß ihr Weltbild zusammenstürzen könnte. Deswegen versuchen sie es auch dann zusammenzuhalten, wenn es bessere Erklärungen geben sollte.

Man kann zwar nicht die Nichtexistenz eines Gottes beweisen, jedoch ist es inzwischen zweifelsfrei nachgewiesen, daß die Wirkung der Homöopathie nicht über die eines Placebos hinausgeht. Was ja auch nicht verwunderlich ist, wenn man weiß, daß Placebos meistens auch Zuckerkügelchen sind, während jene homöopathischen in hoher Potenzierung nachweislich kein einiziges Molekül des „Wirkstoffs“ enthalten.

Ich bin daher dafür, daß auch meine Krankenkasse, welche diese Fakten gegenüber den Patienten natürlich verschweigt, für homöopathische Behandlung keinen Cent mehr ausgibt. Das eingesparte Geld sollte stattdessen dafür verwendet werden, daß sich Ärzte mehr Zeit für ihre Patienten nehmen können. Laut SPIEGEL werden Beratungen bei Homöopathen besser honoriert als gewöhnliche ärztliche Beratungen. Kein Wunder, daß immer mehr Ärzte eine homöopathische Zusatzausbildung machen – auch wenn sie selbst nicht an den Unsinn glauben, den Samuel Hahnemann verzapft hat.

Nein, Homöopathie sollte ebensowenig wie Religion verboten werden. Wer sich die heutige Welt gerne mit einer zweitausendjährigen Ideologie oder den medizinischen Ideen des 19. Jh. (als noch nicht einmal Viren und Bakterien als Krankheitserreger bekannt waren!) erklären möchte, der soll das tun. Nur bitte erstens nicht auf Kosten der Allgemeinheit. Und laßt zweitens bloß die Kinder in Ruhe! Von mir aus gebt ihnen Zuckerkügelchen oder pustet, wenn sie sich wehtun. Aber tischt ihnen keine esoterischen Erklärungsversuche auf, sondern erklärt ihnen, wenn sie ein wenig älter sind, den Placeboeffekt.

Noch eine letzte Parallele: An der Spitze der Homöopathie thront der männliche „Papst“ Hahnemann, während die Gläubigen – wie z.B. auch in der röm.-kath. Kirche – überwiegend weiblichen Geschlechts sind. Kann es sein, daß die Homöopathie sich nur unmerklich von einer Religion unterscheidet?


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