Der Rabbi lässt tanzen

Das Juden- und das Christentum sind beide monotheistische und abrahamitische Religionen, und angeblich wird in beiden sogar derselbe Gott Jahwe angebetet, dessen Namen die Juden allerdings nie aussprechen – aus Angst ihn zu missbrauchen, was ihnen ja verboten wurde. Die Christen benutzen ihn auch nur selten (oft in der falschen Weise als „Jehova“), da sie das Alte Testament quasi von den Juden übernommen haben, in dem der Gottesname nur als „adonai“ gelesen wurde. Was dann in der deutschen Übersetzung durch Martin Luther wiederum zu einer Inflation des „HErrn“ führte.

Doch die Unterschiede zwischen diesen beiden Religionen zeigen sich außer in dem Kernpunkt, dass der Wanderprediger Jesus von Nazareth von den einen als Messias, von den anderen jedoch nur als ein weiterer Prophet angesehen wird, vor allem im Umgang mit den Ge- und Verboten, die den Juden und Christen auferlegt wurden – bzw. die sie sich selbst auferlegt haben.

Aktueller Anlass für diesen Artikel ist für mich das Tanzverbot an hohen christlichen Feiertagen. Davon steht natürlich noch nichts in der Bibel drin. Es ist aber natürlich durchaus nachvollziehbar, wenn Christen an dem Tag, an dem angeblich ihr Heiland starb, trauern anstatt zu tanzen. Weniger nachvollziehbar ist dagegen, dass sozusagen ein Trauergebot gilt bzw. ein Tanzverbot. Muss gläubigen und damit trauernden Christen wirklich an Karfreitag das Tanzen verboten werden? Nun gut, aber überhaupt nicht mehr für mich nachvollziehbar ist es für mich, wenn die christlichen Kirchen dieses Verbot erstens durch den Staat regeln lassen. Und es zweitens auch für Anders- und Ungläubige gelten soll.

Die (gläubigen!) Juden in Israel gehen mit den religiösen Verboten ganz anders um. Mal abgesehen davon, dass sie sich auch als äußerst kreativ erweisen, wenn es darum geht, Schlupflöcher zu finden, gelten diese Gesetze natürlich nur für Juden. Es würde einem Juden nicht im Traume einfallen, einem Christen oder Muslim z.B. zu verbieten, ein Zicklein in der Milch der Mutter (des Zickleins) zu kochen. Im Gegenteil: Viele Palästinenser leben in Israel ganz gut davon, dass sie am Sabbat die Arbeiten erledigen, die Juden nicht machen dürfen – z.B. einen Fahrstuhl bedienen.

Während die Juden sich selbst für das auserwählte Volk halten, und andere nur ungern mit „ins Boot nehmen“ möchten, ist das Tanzverbot der Christen beinahe schon eine Art Zwangschristianisierung, auf jeden Fall aber wieder einmal offensive Missionsarbeit. Wer (in Hessen) etwas dagegen unternehmen möchte, der kann sich den zum Zeitpunkt dieses Artikels genau 5.555 Leuten anschließen, die per Petition eine Aufhebung dieses Tanzverbots erreichen möchten.

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2 Gedanken zu “Der Rabbi lässt tanzen

  1. Ich finde es unproblematisch, wenn die Kirchen für ein staatliches Tanzverbot für alle am Karfreitag eintreten, ebenso, wenn andere für die Tanzerlaubnis eintreten. Die Gesellschaft muß sich dann entscheiden, wem sie den Vorzug gibt. Wenn „der Staat“ dafür ist, daß dieser Tag Feiertag ist, dann kann er auch weitergehende Regelungen treffen, insbesondere die Art des Feierns bestimmen. Die Kapitalistenklasse muß es dulden, daß am 1. Mai der „Tag der Arbeit“ ist, auch wenn ihr das nicht paßt, die Protestanten müssen es hinnehmen, daß sie in Bayern Fronleichnam, einen dezidiert antiprotestantischen Feiertag, über sich ergehen lassen müssen. Auch wenn Minderheitenschutz für eine Demokratie essentiell ist: Einiges müssen Minderheiten halt doch erdulden. Nun sind die Christen heutzutage natürlich eine Minderheit, aber in manchen Dingen können Sie doch Mehrheiten hinter sich bekommen, z.B., weil andere es für respektlos halten, sich über etwas, was der Minderheit viel bedeutet, einfach hinwegzusetzen, oder auch weil ihnen Traditionen etwas wert sind.

    1. Ich habe nichts dagegen, wenn Kirchen für „ihre“ Feiertage eintreten, denn ich bin ein Freund von Feiertagen. Ich habe auch nichts dagegen, wenn Menschen an ihren Traditionen hängen. Aber ich wehre mich dagegen, wenn „mein“ Staat bestimmten Kirchen, jedoch nicht allen Religionen, das Recht gibt, die Einhaltung ihrer Traditionen auch von Außenstehenden einzufordern. Ich möchte es als „katholische Scharia“ bezeichnen, wenn in einem eigentlich aufgeklärten Land wie Deutschland Gesetze durch die christlichen Kirchen bestimmt werden. Sollen sie doch ihren Anhängern Vorschriften machen, aber bitte verschont die Millionen Un- oder Andersgläubigen damit!
      Was wäre denn, wenn der Zentralrat der Juden es schaffen würde, die Beschneidung oder ein Verbot von Schweinefleisch in der deutschen Gesetzgebung zu verankern? Oder wir wären laut Gesetz gezwungen, wie die Muslime zu Ramadan tagsüber zu fasten (und womöglich sogar unsere Frauen zu verschleiern)? Es gäbe einen Aufschrei in Deutschland. Wieso dann nicht auch beim christlichen Tanzverbot zu Karfreitag? Mein Artikel sollte ein kleiner Beitrag zu diesem Aufschrei sein.

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