Konzeptlos? – Nein, danke!

Heute habe ich, der ich mit Cassetten und Schallplatten aufgewachsen bin, mal wieder irgendwo gelesen, dass CDs als Tonträger eine veraltete Technik seien. Das mag stimmen, aber dennoch werde ich auch in Zukunft welche kaufen. Um sie zu hören, oder um die Musik auf mein Smartphone oder einen USB-Stick zu spielen, damit ich sie mitnehmen und unterwegs hören kann.

Wieso ich Songs nicht gleich aus dem Internet herunterlade? Abgesehen davon, dass ich manche Aufnahmen gar nicht im Internet finde: Weil mir da etwas fehlt. Und was mir fehlt, versuche ich im Folgenden zu verdeutlichen.

Es gab früher einmal etwas, das man als „Konzeptalbum“ bezeichnete. Wobei damit zwei leicht unterschiedliche Arten von Alben gemeint sein konnten. Das werde ich später an Beispielen erläutern. Um zu verstehen, was das Besondere an Konzeptalben war und ist, möchte ich etwas mehr als 100 Jahre in der populären Musik zurückspringen, nämlich in die Zeit der allerersten Musikaufnahmen.

Als Emil Berliner die Schelllackplatte erfand, die dann auf Grammophonen abgespielt wurde, war nicht nur die Tonqualität nach heutigen Maßstäben miserabel. Es passte auch nicht allzuviel auf eine Scheibe drauf, ca. vier Minuten Musik oder Sprache.

Als dann nach dem Zweiten Weltkrieg Vinylplatten auf den Markt kamen, setzten sich nach einiger Zeit vor allem zwei Formate durch: Die sogenannte Single, die jeweils ein Lied auf der Vorder- und Rückseite enthielt. Und die Langspielplatte (LP), die im Schnitt auf jeder Seite fünf bis acht Titel hatte. Laufzeit pro Seite ca. 15 Minuten; meine längste Schallplatte ist vermutlich die erste aus dem „blauen Doppelalbum“ der Beatles, die hat eine Gesamtlänge von ungefähr 50 Minuten.

Die Qualität war erheblich besser als bei den alten Schelllackplatten, und die LPs hatten auch eine wesentlich längere Laufzeit. Sie waren jedoch auch viel teuer, und daher noch in den 60er Jahren weniger etwas für junge Leute als vielmehr für betuchte Musikliebhaber. Wenn ich mich recht erinnere, kostete in den 70ern, als ich meine ersten Platten kaufte, eine Single normalerweise 6 DM, während man für eine LP 15, 18 oder gar 20 DM ausgeben musste. Doppel-LPs gab es kaum unter 20 DM.

Anfangs dürften LPs wegen der Länge sogar eher für Klassikaufnahmen bevorzugt worden sein, während sich auf Singles der Dreiminuten-Popsong durchsetzte. Der erste bedeutend längere Song der Popgeschichte war wahrscheinlich „Hey Jude“ von den Beatles, welcher auch auf der bereits erwähnten LP zu finden ist.

An den Beatles kann man auch den Wandel in den 60ern beobachten: Während die ersten LPs der Beatles nichts weiter waren als eine Sammlung und beinahe willkürliche Zusammenstellung ihrer Hitsingles, begann mit „Rubber Soul“ und „Revolver“ ein langsamer Wandel, der dann bei „Sgt. Pepper“ deutlich wurde: Auf einmal wurden die Songs auf LPs in einer bestimmten Reihenfolge angeordnet, in der sie gehört werden sollten! Es steckte also ein Konzept dahinter, welche Titel in welcher Reihenfolge auf eine LP kamen.

Dies war die erste Art von Konzeptalbum. Viele solcher Alben sollten folgen, auch wenn manche Musiker weiterhin nur Sammlungen ihrer Hits auf LP herausgaben. Aber es kam dann noch eine zweite Art von Konzeptalbum, bei dem die Titel sogar unter einem gemeinsamen Motto standen oder eine mehr oder weniger zusammenhängende Geschichte erzählten.

Es gäbe sehr viele Konzeptalben zu erwähnen, ich werde mich auf ein paar herausragende Beispiele beschränken. Klassiker sind von „The Who“ zuerst die Rockoper „Tommy“, die auf LP natürlich ein Konzeptalbum darstellt. Ebenso wie die Musik zum späteren Film „Quadrophenia“.

Die frühen Genesis (noch mit Peter Gabriel) haben quasi nur Konzeptalben herausgebracht. Auf dem Gipfel ihres Ruhms und vor der Trennung von Gabriel gab es das spektakuläre „The Lamb Lies Down On Broadway“, eine Art musikalischer Psychothriller über zwei LPs.

Außerdem möchte ich „Thick As A Brick“ von Jethro Tull nicht unerwähnt lassen: Die LP ist so aufgemacht, als würde eine reale Geschichte erzählt werden. Zeitungsausschnitte auf dem Cover scheinen das zu belegen.

Pink Floyd haben auch einige klassiche Konzeptalben herausgebracht. So z.B. „Wish You Were Here“, welches dem früheren Pink-Floyd-Mitglied Sid Barrett gewidmet war. Und natürlich „The Wall“, dessen Geschichte durch Film und Liveaufführungen bekannt geworden ist. „Dark Side Of The Moon“ darf man natürlich auch nicht im Shufflemodus anhören…

Später gab es dann noch Musiker wie Mike Oldfield oder „The Alan Parsons Project“, die die Tradition der Konzeptalben aufrechterhielten. Da ich niemals alle werde aufzählen können, dürfen gerne noch in Kommentaren Beispiele für Konzeptalben hinzugefügt werden. 🙂

Im weiteren Sinne könnte man auch noch Liveaufnahmen wie z.B. das großartige „Live At The Fillmore East“ der „Allman Brothers Band“ oder „Live At Leeds“ von „The Who“ als Konzeptalben ansehen: Denn natürlich möchte man die Stücke auf dem Tonträger so angeordnet haben, wie sie im Konzert erklangen. Das Konzept des Konzerts sollte 1:1 auf dem Tonträger wiedergegeben werden.

Die meisten erwähnten Beispiele bestehen zwar nach wie vor aus einzelnen Songs. Diese gehen jedoch auf den Alben oftmals ineinander über, und sollten auf jeden Fall in einer bestimmten, von den Künstlern beabsichtigten Reihenfolge angehört werden. Und nun kommt das digitale Internet…

Abgesehen davon, dass es Unsinn ist, einzelne Songs aus Konzeptalben herunterzuladen, fehlt mir noch etwas anderes dabei. Konzeptalben waren eine Art Gesamtkunstwerk. Die Cover wurden aufwendig gestaltet, oft gab es „Beilagen“ wie Fotos oder Plakate. Davon ist schon einiges durch die CD verlorengegangen. Diese ist zwar von der Qualität und von der Spieldauer her der LP überlegen. Aber „Booklets“ können nunmal keine Plattencover (mit Reißverschluss bei den Rolling Stones oder mit Drehscheibe bei Led Zeppelin) ersetzen. Zum Glück gibt es inzwischen zahlreiche „Luxuseditionen“, die sich nicht an das Standardformat einer CD-Hülle halten.

Ja, selbstverständlich kann man das meiste davon auch digitalisieren (den funktionierenden Reißverschluss wohl kaum), und über Internet versenden. Warum aber reicht es vielen Menschen nicht, sich eine (digitale) Kopie von Leonardos Mona Lisa anzusehen? Warum wollen sie unbedingt in den Pariser Louvre, um das Original zu betrachten?

Weil digitalisierte Kunst bzw. Musik niemals die gleichen Sinneserfahrungen bieten wird wie die Originale. Das wäre der Unterschied zwischen einer Kopie und einer perfekten Kopie. Wer jemals eines der erwähnten Konzeptalben in seinen Händen hielt und aufklappte, wird verstehen, was ich meine…

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Ein Gedanke zu “Konzeptlos? – Nein, danke!

  1. Gestern las ich, dass Frank Zappa das Konzeptalbum erfunden haben soll. Das kann ich mir gut vorstellen. Aber vielleicht kann mal ein Zappaloge, der sich mit diesem genialen Musiker besser auskennt als ich, mitteilen, welches Album gemeint sein könnte…

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