Es geschah nicht in Berlin…

Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass die erste Grenzüberschreitung nach Schabowskis Pressekonferenz am 09.11.1989 am Grenzübergang Bornholmer Straße in Berlin stattfand. Dieses wird noch dadurch erhärtet, dass zufällig ein Team von SPIEGEL TV anwesend war, welches die historischen Bilder aufnahm, die in diesen Tagen hunderte Male auf allen Fernsehkanälen wiederholt werden.

Ab 21:20 Uhr wurde einzelnen Personen gestattet, den Grenzübergang ohne größere Formalien zu passieren. Erst eine halbe Stunde vor Mitternacht wurde dann dort der Schlagbaum geöffnet, und die Kontrollen wurden eingestellt – weil sie einfach nicht mehr möglich waren.

Am Grenzübergang Helmstedt-Marienborn waren sie jedoch etwas schneller, laut Wikipedia sollen die ersten um 21:15 Uhr herübergekommen sein. Nur war leider kein Fernsehteam anwesend, welches historische Aufnahmen gemacht hätte. Zum Glück wohnte ich damals in Braunschweig in unmittelbarer Nähe der Bundesstraße 1, die von Helmstedt aus zur zweitgrößten Stadt Niedersachsens führte, und kann daher berichten, was an jenem Abend (jenseits von Berlin) wirklich geschah.

Aber fangen wir von vorne an: In jenem Sommer hatte ich wenig von den Geschehnissen um die Prager Botschaft und den Ausreisen per Zug durchs Gebiet der DDR mitbekommen, weil ich zu der Zeit irgendwo in Skandinavien im Urlaub war, und die Nachrichten erst mit beträchtlicher Verspätung eintrafen.

Ich war quasi (auch) mit Fernsehen und Radio der DDR aufgewachsen, denn in Braunschweig, nur 40 km von der „Zonengrenze“ entfernt, hatten wir hervorragenden Empfang. Und es gab ja noch keine Privatsender im Westen, sondern ausschließlich ARD, ZDF, und das dritte Fernsehprogramm des NDR. Und im Radio eigentlich nur NDR 1-3 und den Deutschlandfunk, wenn man nicht noch auf Kurzwellensender auswich (achja, den britischen Soldatensender BFBS gab’s natürlich auch noch). Da habe ich manchmal aus Not und Neugier auch mal das DDR-Fernsehen eingeschaltet. Und deswegen bin ich sozusagen mit dem Ostsandmännchen, Pittiplatsch, Schnatterinchen und Frau Doktor Pille aufgewachsen.

Doch in jenem Sommer 1989, als bei den neuen Privatsendern schon wieder die Langeweile einkehrte, entdeckte ich DT64, das Jugendradio der DDR. Und das war besser, aufregender, frecher und abwechslungsreicher als alles, was ich je zuvor im Radio gehört hatte. Und dann gab es da noch ab Mitternacht die Sendung „Schlafstörungen“ mit Marion Brasch, der ich gebannt folgte. Ja, ich habe Marion sogar ein paarmal in der Sendung angerufen, und sie im Frühjahr 1990 überraschend im Sender in der Nalepastraße besucht.

Auf jeden Fall bekam ich durch DT64 schon vor der eigentlichen Wende mit, wie die Stimmung im Osten war, und dass sich dort etwas anbahnte. Was all die Demonstrationen am Ende bringen würden, konnte sich zu jenem Zeitpunkt noch niemand ausmalen. Aber alle wollten etwas ändern, und sie verschafften sich mehr und mehr Gehör und Aufmerksamkeit.

Am 9. November dann habe ich kurz nach 19 Uhr (in den heute-Nachrichten?) Aufnahmen der legendären Pressekonferenz gesehen, und wusste sofort, dass nun etwas in Gang gesetzt worden war, was niemals wieder rückgängig gemacht werden konnte – wenn die DDR-Oberen nicht ihr eigenes Volk niederprügeln oder gar -schießen wollten.

Ich habe damals bei meinen Eltern angerufen, und mit meiner Mutter(?) über das gesprochen, was ich gerade im Fernsehen gesehen hatte. Wir hatten überhaupt keine Verwandten in der DDR, waren also eigentlich persönlich weniger betroffen. Nach dem Telefonat starrte ich noch lange ungläubig mit Tränen in den Augen auf die Fernsehbilder – zu jenem Zeitpunkt war die Grenze aber noch dicht!

Ich kannte Deutschland nicht anders, da ich drei Monate vor dem Mauerbau geboren wurde. In den frühen Sechzigern ahnte man auch noch nicht, dass die DDR diesen Unsinn 28 Jahre lang durchhalten würde. Die Grenze bei Helmstedt und vor allem im nahen Harz habe ich als kleiner Junge immer mit einer Mischung aus Angst und Verwirrung betrachtet. Auf beiden Seiten lebten Deutsche, wieso konnten die nicht einfach von einer Seite auf die andere gehen?

Im Herbst 1989 geschah jedoch genau dieses: Zuerst gingen einzelne Menschen vor allem von Osten nach Westen über diese jahrzehntelang undurchdringliche Grenze. Und kurze Zeit später folgten bereits Menschen- und Fahrzeugmassen. Die habe ich nämlich an jenem Abend noch reichlich zu Gesicht bekommen.

Ich schätze, es war gegen 22 Uhr, als ich mich auf den Weg in die Innenstadt machte. Ich wollte einfach noch mal raus, und im Panoptikum, meiner Stammkneipe und -disko vorbeischauen. Da ich fast an der Straße in Richtung Innenstadt wohnte, zu dem Zeitpunkt aber kein Auto besaß, beschloss ich zu trampen. Schließlich fuhren auf der B1, welche in Braunschweig Helmstedter Straße hieß, jede Menge Fahrzeuge in Richtung Innenstadt.

Es war Donnerstagabend, und nicht allzu viel los. Aber das Merkwürdige war, dass zwischen all den Autos zuerst nur sporadisch, später jedoch immer mehr Trabbis und Wartburgs auftauchten! Bis zu jenem Tag waren solche Fahrzeuge auch nur 40 km jenseits der DDR-Grenze eine absolute Rarität. Mich hatte dann jemand (kein Ossi) mitgenommen, und in der Innenstadt in der Nähe des Rathauses abgesetzt. Ich ahnte zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass ich im Laufe der Nacht in einem Wartburg nicht nur mitfahren würde…

Am Platz vor dem Rathaus war die Hölle los: Alles war mit Fahrzeugen aus der DDR zugeparkt! Anscheinend machten sich die Ossis irgendwie Hoffnung, dass sie um diese späte Tageszeit noch ihre 100 DM Begrüßungsgeld abholen könnten. Aber ich glaube, die meisten hatten überhaupt gar keinen Plan, und suchten das Rathaus nur als erste Anlaufstelle auf. Die Allermeisten waren zum allerersten Mal in Braunschweig, und wussten überhaupt nicht, was sie dort machen sollten.

Ich weiß nicht, ob es tatsächlich Begrüßungsgeld gab, doch der Ansturm der Ossis samt Trabbis stellte die Braunschweiger Behörden vor nicht unerhebliche Probleme. Während ich zwischen all den Ossis über den Rathausplatz schlenderte, bekam ich vor allem eine Angst mit: Die Meisten wollten auf jeden Fall zurück, nur nicht sofort, und hatten große Angst, ob die Grenze nicht wieder dicht gemacht würde. Und wo sollten sie die Nacht verbringen? Der Stau auf der A2 vor der Grenze in Marienborn reichte angeblich bis Magdeburg zurück.

Doch die Stadt leistete in jener Nacht Unglaubliches. Es wurden Busse organisiert, die die Besucher aus der DDR in eine Kaserne am Stadtrand brachten. Die wurde wohl kurzfristig von den Soldaten geräumt, so dass Unterkünfte zum Übernachten zur Verfügung standen. Zwei Männer und eine Frau in meiner Nähe wollten das Angebot annehmen, aber nicht ihren Wartburg zurücklassen. Und sie hatten Angst, sich bzw. den Bus beim Hinterherfahren zu verlieren.

Ich hatte in den Jahren zuvor als Taxifahrer in Braunschweig gearbeitet, und fragte den Busfahrer, wo er denn hinführe. Ich weiß heute nicht mehr, wie die Kaserne hieß, sie war jedoch an der Helmstedter Straße gelegen, in unmittelbarer Nähe meiner Wohnung! Also bot ich den Dreien an, sie zu begleiten, damit sie hinter dem Bus herfahrend sicher zur Kaserne gelangten.

Nun saß ich also zum ersten Mal in meinem Leben in einem Wartburg. Und das sollte nicht die letzte Überraschung dieser Nacht bleiben. Wir fuhren also zu jener Kaserne, und bevor ich weitererzähle, möchte ich kurz in Erinnerung rufen, dass wir uns damals noch im „Kalten Krieg“ befanden. Ich weiß noch, welche Kontrollen ich (als Zivildienstleistender) am Eingang einer Kaserne über mich ergehen lassen musste, weil ich einen Freund besuchen wollte, der auf der Krankenstation lag. Das war nicht so schlimm wie die Kontrollen an der DDR-Grenze, aber penibel war das schon.

Und jetzt dieses: Der Bus kam vor uns am Kasernentor an – und wurde einfach durchgewunken. Dann kamen wir: Ein Blick auf das DDR-Kennzeichen des Wartburgs – und wir wurden ebenfalls einfach so durchgewunken! Niemand hielt unsere Personalien fest, wir konnten problemlos mit einem DDR-Fahrzeug in eine Kaserne der Bundeswehr fahren.

Ich dachte mir: Jetzt wird’s interessant, mache ich doch einfach erst einmal weiter mit. Im Folgenden wurden dann die Ossis auf die Stuben verteilt. Es gab eine Schüssel Erbsensuppe und für jeden eine Banane (sic!). Ich nahm auch eine der Staudenfrüchte, und wir saßen auf der Stube und diskutierten. Über unsere Hoffnungen und unsere Ängste, und dass wir noch gar nicht richtig verstehen konnten, was hier gerade geschah.

Die Frau wurde müde, und wollte schlafen. Es war vermutlich bereits gegen Mitternacht, doch die beiden Männer waren viel zu aufgedreht, um ein Auge zumachen zu können. Also beschlossen wir, noch einmal von der Kaserne in die Innenstadt zu fahren. Man wollte den Augenblick genießen, wusste doch niemand, ob und wann man jemals wieder die Gelegenheit haben würde. Und am nächsten Tag wollten sie ja eigentlich auch wieder zurück, um arbeiten zu gehen. (Ich weiß nicht, ob das wie geplant geklappt hat.)

Ich lotste die Beiden mit dem Wartburg zum bereits erwähnten Panoptikum. Da sie kein Westgeld dabei hatten, gab ich ihnen dort ein Bier aus. Nach einer Stunde wollten wir dann doch zurück, um noch ein wenig zu schlafen. Da meinten die beiden Männer, sie hätten Angst, nach dem Genuss eines Bieres zu fahren (in der DDR galt eine unerbittliche Null-Promille-Grenze!). Ob ich nicht den Wartburg zurück zur Kaserne fahren könne…

Ich ließ mir also die technischen Besonderheiten des Fahrzeugs kurz erklären, und wir machten uns erneut auf den Weg. Und vor der Kaserne durfte ich das Wunder noch einmal, diesmal sogar am Steuer des Wagens erleben – sobald die Wachsoldaten erkannten, dass es sich um ein Fahrzeug aus der DDR handelte, wurden wir freundlich und ohne jegliche Kontrolle in die Kaserne hinein gewunken.

Die Wache staunte aber dann doch ein wenig, als ich kurz darauf zu Fuß die Kaserne verließ, um mich auf den Heimweg zu machen. Meine Wohnung lag quasi auf der Rückseite der Kaserne. Dort angekommen, schaltete ich bestimmt noch einmal den Fernseher ein, um nun auch in Berlin die Wartburgs und Trabbis über die Grenzübergänge rollen zu sehen. Und irgendwann bin ich dann nach dieser aufregenden Nacht vermutlich auch mal eingeschlafen…

Halten wir aber für die Nachwelt fest: Die ersten Grenzüberquerungen fanden nicht in Berlin, sondern am Grenzübergang Helmstedt-Marienborn statt. Und der Autoverkehr rollte auch schon längst von Helmstedt nach Braunschweig, als an der Bornholmer Straße der Schlagbaum noch geschlossen war. Schade nur, dass ich in jener Nacht kein Fernsehteam getroffen habe, dem ich von diesen unglaublichen Ereignissen hätte berichten können.

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Ein Gedanke zu “Es geschah nicht in Berlin…

  1. Toller Bericht, Ingo. Ich komme zwar auch von der „Zonengrenze“, etwas südlicher, aber ich hab damals schon nicht mehr dort gewohnt. Und ich weiß noch nicht mal mehr, was ich an dem Abend gemacht habe. :-/

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