Kategorie: Computer & Internet

E-Mails? Ja, bitte!

E-Mails? Nein danke! – SPIEGEL ONLINE.

Lieber Ole Reißmann, das kann ich einfach nicht so stehen lassen. Im Beruf versuche ich Andere dazu zu erziehen, mir eine Mail zu schreiben, anstatt mich durch einen Telefonanruf zu erschrecken. Und Müll gibt es darunter ebensoviel wie bei den Anrufen.

Im privaten Bereich, für den ich selbstverständlich eine andere Adresse habe, sieht es ganz anders aus. (Stimmt nicht ganz, ich habe einige private Mailadressen, nicht nur eine.) Da bekomme ich für meinen Geschmack viel zu wenige Mails. Auf jeden Fall viel weniger als früher.

Und E-Mail ist nun wirklich die einfachste Art, übers Internet zu kommunizieren. Nicht zuletzt, weil es zu dieser uralten Methode inzwischen viele technische Hilfmittel gibt. Um eine Mail zu beantworten, muss ich nur noch einen Mausklick machen, und kann sofort die Anwort schreiben. Zum Absenden genügt ein weiterer Mausklick.

Zugegeben, es ist für Laien nicht ganz so einfach, die Mails vor dem eventuellen Mitlesen zu schützen, aber Verschlüsselung ist prinzipiell möglich. Ich will Mail gar nicht ersetzen, auch wenn ich zu manchem Zwecke andere „Plattformen“ nutze. Aber Mail ist sozusagen meine „Zentrale“. Dort läuft alles von Wichtigkeit ein, auch Benachrichtigungen über Nachrichten bei Facebook oder Twitter. Denn ich will keine Zeit damit verplempern, immer wieder zu kontrollieren, ob es etwas Neues gibt. Und wenn man nur alle zwei Tage dort hineinschaut, wird man keiner Diskussion angemessen folgen können.

Selbstverständlich benutze ich für große Dateien längst Dropbox, und gemeinsame Termine werden mit Doodle ermittelt. Vielleicht hinken Sie diesbezüglich der Entwicklung etwas hinterher, Herr Reißmann? Bei Apps mit Ortsfunktion wäre ich allerdings sehr vorsichtig. Es sei denn, Sie wollen einem undurchsichtigen Konzern erlauben, Ihre Bewegungen zu verfolgen.

Dass Mail zu langsam sei, lese ich zum ersten Mal. Wenn ich eine Mail versende, ist sie eine Sekunde später beim Empfänger, selbst dann, wenn dieser auf der anderen Seite dieses Planeten wohnt. Gut finde ich allerdings die Entschleunigung durch Mailverkehr: Bei Mails habe ich die Kontrolle darüber, wann ich sie lese, und wann ich sie beantworte. Das ist bei Telefonaten ganz anders. Und auch bei einer Twitternachricht wird von mir eine zeitnahe Reaktion erwartet. Nicht so bei Mails. Da lasse ich mir schon mal ein paar Tage Zeit, sie in Ruhe zu beantworten. Was sich bei der Qualität keineswegs negativ bemerkbar macht.

Übrigens verschicken Roboter keine Mails, auch wenn es Programme gibt, die „Robots“ genannt werden. Aber ein Roboter besteht aus Hardware. Der kann vielleicht Briefe schreiben, wenn man ihm beibringt, wie man einen Stift führt.

Ja, ich benutze auch Facebook, Twitter, Google+ und Skype zur Kommunikation – aber ich will niemals auf E-Mails verzichten. Dazu sind sie einfach viel zu praktisch. Und sie lassen einem genügend Zeit zum Nachdenken vor der Antwort…

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Konzeptlos? – Nein, danke!

Heute habe ich, der ich mit Cassetten und Schallplatten aufgewachsen bin, mal wieder irgendwo gelesen, dass CDs als Tonträger eine veraltete Technik seien. Das mag stimmen, aber dennoch werde ich auch in Zukunft welche kaufen. Um sie zu hören, oder um die Musik auf mein Smartphone oder einen USB-Stick zu spielen, damit ich sie mitnehmen und unterwegs hören kann.

Wieso ich Songs nicht gleich aus dem Internet herunterlade? Abgesehen davon, dass ich manche Aufnahmen gar nicht im Internet finde: Weil mir da etwas fehlt. Und was mir fehlt, versuche ich im Folgenden zu verdeutlichen.

Es gab früher einmal etwas, das man als „Konzeptalbum“ bezeichnete. Wobei damit zwei leicht unterschiedliche Arten von Alben gemeint sein konnten. Das werde ich später an Beispielen erläutern. Um zu verstehen, was das Besondere an Konzeptalben war und ist, möchte ich etwas mehr als 100 Jahre in der populären Musik zurückspringen, nämlich in die Zeit der allerersten Musikaufnahmen.

Als Emil Berliner die Schelllackplatte erfand, die dann auf Grammophonen abgespielt wurde, war nicht nur die Tonqualität nach heutigen Maßstäben miserabel. Es passte auch nicht allzuviel auf eine Scheibe drauf, ca. vier Minuten Musik oder Sprache.

Als dann nach dem Zweiten Weltkrieg Vinylplatten auf den Markt kamen, setzten sich nach einiger Zeit vor allem zwei Formate durch: Die sogenannte Single, die jeweils ein Lied auf der Vorder- und Rückseite enthielt. Und die Langspielplatte (LP), die im Schnitt auf jeder Seite fünf bis acht Titel hatte. Laufzeit pro Seite ca. 15 Minuten; meine längste Schallplatte ist vermutlich die erste aus dem „blauen Doppelalbum“ der Beatles, die hat eine Gesamtlänge von ungefähr 50 Minuten.

Die Qualität war erheblich besser als bei den alten Schelllackplatten, und die LPs hatten auch eine wesentlich längere Laufzeit. Sie waren jedoch auch viel teuer, und daher noch in den 60er Jahren weniger etwas für junge Leute als vielmehr für betuchte Musikliebhaber. Wenn ich mich recht erinnere, kostete in den 70ern, als ich meine ersten Platten kaufte, eine Single normalerweise 6 DM, während man für eine LP 15, 18 oder gar 20 DM ausgeben musste. Doppel-LPs gab es kaum unter 20 DM.

Anfangs dürften LPs wegen der Länge sogar eher für Klassikaufnahmen bevorzugt worden sein, während sich auf Singles der Dreiminuten-Popsong durchsetzte. Der erste bedeutend längere Song der Popgeschichte war wahrscheinlich „Hey Jude“ von den Beatles, welcher auch auf der bereits erwähnten LP zu finden ist.

An den Beatles kann man auch den Wandel in den 60ern beobachten: Während die ersten LPs der Beatles nichts weiter waren als eine Sammlung und beinahe willkürliche Zusammenstellung ihrer Hitsingles, begann mit „Rubber Soul“ und „Revolver“ ein langsamer Wandel, der dann bei „Sgt. Pepper“ deutlich wurde: Auf einmal wurden die Songs auf LPs in einer bestimmten Reihenfolge angeordnet, in der sie gehört werden sollten! Es steckte also ein Konzept dahinter, welche Titel in welcher Reihenfolge auf eine LP kamen.

Dies war die erste Art von Konzeptalbum. Viele solcher Alben sollten folgen, auch wenn manche Musiker weiterhin nur Sammlungen ihrer Hits auf LP herausgaben. Aber es kam dann noch eine zweite Art von Konzeptalbum, bei dem die Titel sogar unter einem gemeinsamen Motto standen oder eine mehr oder weniger zusammenhängende Geschichte erzählten.

Es gäbe sehr viele Konzeptalben zu erwähnen, ich werde mich auf ein paar herausragende Beispiele beschränken. Klassiker sind von „The Who“ zuerst die Rockoper „Tommy“, die auf LP natürlich ein Konzeptalbum darstellt. Ebenso wie die Musik zum späteren Film „Quadrophenia“.

Die frühen Genesis (noch mit Peter Gabriel) haben quasi nur Konzeptalben herausgebracht. Auf dem Gipfel ihres Ruhms und vor der Trennung von Gabriel gab es das spektakuläre „The Lamb Lies Down On Broadway“, eine Art musikalischer Psychothriller über zwei LPs.

Außerdem möchte ich „Thick As A Brick“ von Jethro Tull nicht unerwähnt lassen: Die LP ist so aufgemacht, als würde eine reale Geschichte erzählt werden. Zeitungsausschnitte auf dem Cover scheinen das zu belegen.

Pink Floyd haben auch einige klassiche Konzeptalben herausgebracht. So z.B. „Wish You Were Here“, welches dem früheren Pink-Floyd-Mitglied Sid Barrett gewidmet war. Und natürlich „The Wall“, dessen Geschichte durch Film und Liveaufführungen bekannt geworden ist. „Dark Side Of The Moon“ darf man natürlich auch nicht im Shufflemodus anhören…

Später gab es dann noch Musiker wie Mike Oldfield oder „The Alan Parsons Project“, die die Tradition der Konzeptalben aufrechterhielten. Da ich niemals alle werde aufzählen können, dürfen gerne noch in Kommentaren Beispiele für Konzeptalben hinzugefügt werden. 🙂

Im weiteren Sinne könnte man auch noch Liveaufnahmen wie z.B. das großartige „Live At The Fillmore East“ der „Allman Brothers Band“ oder „Live At Leeds“ von „The Who“ als Konzeptalben ansehen: Denn natürlich möchte man die Stücke auf dem Tonträger so angeordnet haben, wie sie im Konzert erklangen. Das Konzept des Konzerts sollte 1:1 auf dem Tonträger wiedergegeben werden.

Die meisten erwähnten Beispiele bestehen zwar nach wie vor aus einzelnen Songs. Diese gehen jedoch auf den Alben oftmals ineinander über, und sollten auf jeden Fall in einer bestimmten, von den Künstlern beabsichtigten Reihenfolge angehört werden. Und nun kommt das digitale Internet…

Abgesehen davon, dass es Unsinn ist, einzelne Songs aus Konzeptalben herunterzuladen, fehlt mir noch etwas anderes dabei. Konzeptalben waren eine Art Gesamtkunstwerk. Die Cover wurden aufwendig gestaltet, oft gab es „Beilagen“ wie Fotos oder Plakate. Davon ist schon einiges durch die CD verlorengegangen. Diese ist zwar von der Qualität und von der Spieldauer her der LP überlegen. Aber „Booklets“ können nunmal keine Plattencover (mit Reißverschluss bei den Rolling Stones oder mit Drehscheibe bei Led Zeppelin) ersetzen. Zum Glück gibt es inzwischen zahlreiche „Luxuseditionen“, die sich nicht an das Standardformat einer CD-Hülle halten.

Ja, selbstverständlich kann man das meiste davon auch digitalisieren (den funktionierenden Reißverschluss wohl kaum), und über Internet versenden. Warum aber reicht es vielen Menschen nicht, sich eine (digitale) Kopie von Leonardos Mona Lisa anzusehen? Warum wollen sie unbedingt in den Pariser Louvre, um das Original zu betrachten?

Weil digitalisierte Kunst bzw. Musik niemals die gleichen Sinneserfahrungen bieten wird wie die Originale. Das wäre der Unterschied zwischen einer Kopie und einer perfekten Kopie. Wer jemals eines der erwähnten Konzeptalben in seinen Händen hielt und aufklappte, wird verstehen, was ich meine…

Die Weltsicht der Piraten

Wenn man lange auf einem Schiff die Weltmeere befährt, und immer nur mit seinesgleichen zu tun hat, dann hält man, was man tut und denkt, irgendwann für weitverbreitet. Man vergisst leicht, dass auch in den Städten sehr viele Menschen leben, für die Segeln und Entern ungewöhnlich ist, ja, die vielleicht noch nie in ihrem Leben ein Schiff betreten haben.

WikiLeaks ist genauso wie Watergate nur eine griffige Bezeichnung für die Affäre, die gerade große Teile der westlichen wie östlichen Welt bewegt. Die Leute interessieren sich zwar dafür, wie die Diplomaten der USA über Guido Westerwelle denken. Die technischen Hintergründe bleiben jedoch im Dunkeln, und es interessiert auch kein Schwein, wenn Piraten jetzt eine Rettungsaktion starten, indem sie ein paar hundert Mirrors anlegen.

Einige Piraten glauben tatsächlich, dass die Affäre ihnen nützen würde, indem es sie bekannter macht, und ihnen sogar Wählerstimmen bescheren würde. Der SPIEGEL letzter Woche war voll von Artikeln zum Thema, doch kann ich mich nicht entsinnen, dass in dem Zusammenhang auch nur ein einziges Mal von den Piraten die Rede war.

Der Irrtum besteht darin, zu glauben, dass das, was die Piraten bewegt, auch die Welt bewegen müsse. Und er wird dadurch unterstützt, dass sich die Piraten fast ausschließlich auf ihrem Meer, dem Internet bewegen, und dort überwiegend unter sich bleiben. Es geschieht aber in der Welt viel mehr, als in Internetforen oder über Twitter heiß diskutiert wird. Das Internet mag ein Spiegel der Welt sein. Doch ein Spiegel gibt immer nur einen Ausschnitt der Welt wieder, abhängig davon, welche Perspektive man einnimmt.

Es ist bezeichnend, dass sich die Piraten mehr Sorgen um die Zukunft der Plattform WikiLeaks machen, die von weiten Teilen der Bevölkerung übrigens mit der Onlineenzyklopedie WikiPedia in einen Topf geworfen wird, als über die diplomatischen und politischen Folgen der Veröffentlichungen z.B. für den Nahen und Mittleren Osten.

Und es offenbart eine gewisse politische Naivität, zu glauben, es sei grundsätzlich gut, wenn alles ans Licht kommt. Wieso wird eigentlich Politikern und Diplomaten nicht auch das Recht auf Anonymität bzw. das Recht auf die eigenen Daten eingeräumt, für welches die Piraten so vehement kämpfen? Ist es nicht seltsam, wenn man für ein friedliches Zusammenleben die totale Transparenz als notwendig erachtet, dabei aber gleichzeitig auf die eigene Anonymität bedacht ist?

Im Übrigen täte es den Piraten besser, würden sie zu Assange ein wenig mehr Distanz wahren. Die geradezu abgöttische Bewunderung für diesen von sich selbst überzeugten Typen kann irgendwann zu einem Bumerang werden. Ich erinnere nur an den Fall Tauß: Wo sind eigentlich dessen Piratenfans geblieben, nachdem dieser rechtskräftig verurteilt wurde?

Wer ist eigentlich Sascha Lobo?

Internet: „Sie werden wieder überheblich“ – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Netzwelt.

Über Ilse Aigner will ich an dieser Stelle nicht viele Worte verlieren. Im Gegensatz zu einer ihrer (grünen) Vorgängerinnen schützt sie mehr die Bauern als die Verbraucher.

Aber wer ist eigentlich dieser Sascha Lobo? Wieso lädt der SPIEGEL ausgerechnet ihn zu einem Streitgespräch mit Ilse Aigner ein?

Laut SPIEGEL ist er „prominent“ und „Deutschlands König bei Twitter“. Und weshalb ist er prominent? Doch wohl nur wegen seiner auffälligen Frisur. Denn seine Werbeagentur war offensichtlich nicht besonders erfolgreich.

Dieser Meister der Selbstvermarktung kann trotzdem nicht über seine Durchschnittlichkeit hinwegtäuschen. So spricht er in dem Interview von „zehn Jahren Internet“. Herr Lobo, wo waren Sie denn vor fünfzehn Jahren, als das Internet in Deutschland Fahrt aufnahm? Dass ausgerechnet Sie sich nun mit Frau Aigner streiten dürfen, liegt vermutlich nur am farblichen Kontrast.

Liebe SPIEGEL-Redakteure, wenn Ihr nächstes Mal jemanden sucht, der sich mit dem Internet auskennt, Euch aber meine Frisur zu gewöhnlich und die Zahl meiner Follower bei Twitter zu gering ist, dann nehmt doch bitte wenigstens jemanden wie z.B. Markus Beckedahl oder Julia Seeliger, die auch wirklich etwas zu sagen haben.

Nachruf auf die Piratenpartei

In weiser Voraussicht haben sich die Piraten auf ihrem Bundesparteitag in Bingen gar nicht mehr um Inhalte oder gar um ein Programm bemüht, welches über die üblichen Kernthemen „Computer“, „Internet“, „Copyright“, „Datenschutz“ und „Bürgerrechte“ hinausgehen würde. Es lohnt nicht mehr, sich damit noch zu befassen, und dadurch den Zerfall sogar noch zu beschleunigen.

So scheinen unter „Frauenfrage“ die Nerds in der Partei wohl vor allem das Problem zu verstehen, eine Frau abzubekommen. Das augenfällige Mißverhältnis in der Partei hingegen, wie auch die Geschlechterbenachteiligung außerhalb, also in unserer Gesellschaft, werden einfach hinweggewischt: Bei den Piraten gäbe es keine Männer oder Frauen – sondern ausschließlich Piraten.

Das hat zwar – für die Piraten – den Vorteil, daß sie die Probleme nicht mehr sehen, und sich damit nicht mehr befassen müssen. Doch gelöst wird dadurch gar nichts. Aber auch das schien bei den Piraten niemanden zu interessieren. Das sind halt Probleme der Anderen, die sich jene selbst machen. Zumindest sind die Piraten so ehrlich, darauf hinzuweisen, daß sie von Themen außerhalb ihrer Kernkompetenzen auch gar keine Ahnung haben. Aber unter Politik verstehe ich nicht, sich nur um die Probleme der eigenen Parteimitglieder zu kümmern.

Es ist auch keine Politik, einfach zu behaupten, wenn alle so denken würden wie wir – und nicht zwischen Mann und Frau, zwischen arm und reich, oder zwischen Taliban und katholischen Priestern differenzieren würden – hätten wir auch keine Probleme. Politik zeichnet sich eben auch gerade dadurch aus, wie man mit Andersartigen und Andersdenkenden umgeht.

Der Ausflug in die Welt der „großen“ Parteien mußte also scheitern. Wir wissen nun, daß es bis zu zwei Prozent Nerds in Deutschland gibt. Daß Ihr jedoch weder die Frauen, noch die Arbeiter oder die Rentner mit Eurem „Nichtprogramm“ als Wähler würdet gewinnen können, war Euch doch eigentlich klar, oder?

Andererseits: Die Piraten haben ihr wichtigstes Ziel erreicht. Die „etablierten“ Parteien wurden auf die Wichtigkeit der Netzpolitik hingewiesen, und dadurch hat sich die Piratenpartei selbst überflüssig gemacht. Dafür bin ich ihnen auch persönlich dankbar. Waren wir doch früher bei den GRÜNEN nur wenige, die den Anderen diese Themen näherbringen wollten. Im Programm haben wir sie schon lange drin. Nur wurden sie von den meisten GRÜNEN als „Nebensache“ erachtet, die nur wenige Leute interessiert.

Aber neben den aktuellen Datenskandalen waren es vor allem die Piraten, deren Wahlerfolge meine Parteifreunde aufschreckte. Stammte doch ein Teil der bis zu zwei Prozent Piratenwähler aus unserer Stammwählerschaft. Spätestens seit der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen, bei der uns ein einziger zusätzlicher Parlamentssitz für eine rot-grüne Regierungsmehrheit gereicht hätte, bedauern viele, daß die Themen der Piraten von den GRÜNEN bislang nicht ernster genommen wurden.

Alle Piraten, die sich nicht nur als Protestbewegung verstehen, sondern wirkliche Politik machen und in Parlamenten etwas bewegen möchten, fordere ich auf, die GRÜNEN hinsichtlich der Netzpolitik zu unterstützen. Unsere Ziele sind weitgehend dieselben. Nur Euer alternativer Weg dorthin stellt sich gerade als Sackgasse heraus. Keine Angst, Ihr müßt Euch nicht mit Frauen-, Wirtschafts-, Renten- oder Verteidigungspolitik beschäftigen. Dafür haben wir – im Gegensatz zu den Piraten – Experten in der Partei. Und sogar bereits ein komplettes und meiner Ansicht nach zukunftsträchtiges Parteiprogramm. Aber ein paar Experten für Netzpolitik könnten wir schon noch gebrauchen, um dieses Programm auch umzusetzen.

Hilferuf aus dem Maschinenraum

Wikipedia-Debatte: Hilferuf aus dem Maschinenraum – SPIEGEL ONLINE – Nachrichten – Netzwelt.

Mit dem Problem, daß es an Menschen mangelt, die bereit sind, die Drecksarbeit zu machen, steht die Wikipedia nicht allein da. Das ist ein grundsätzliches Problem unserer Gesellschaft: Es gibt genug zu tun, aber niemand will dafür bezahlen.

Nicht nur bei der Wikipedia, auch im Bildungsbereich, an Schulen und Universitäten, im sozialen Bereich, z.B. in Kindergärten, Krankenhäusern oder Altenheimen – überall gibt es viel zu tun. Doch die Jobs gehören, sofern sie überhaupt vorhanden sind, zu denen, die am allerschlechtesten bezahlt werden. Stattdessen werden Milliarden zur Rettung von Banken, zum Erhalt der Automobilindustrie, und zur Subventionierung von Bergbau und Landwirtschaft ausgegeben.

Vielleicht entsteht das Problem der Wikipedia aber einfach nur auch aus der Freiwilligkeit heraus. Solange man nicht dafür bezahlt wird, macht man doch nur Dinge, die man a) gut beherrscht, und b) auch gerne macht. Und da ist es ganz natürlich, wenn Randthemen nicht dieselbe Aufmerksamkeit zukommt wie dem Mainstream der Popkultur.

Die Lösung könnte dieselbe wie bei der Müllabfuhr sein: Stellt ein paar Leute ein, und bezahlt sie anständig. Qualität ist nicht ohne entsprechende Investitionen zu haben. Aber das predige ich den Managern in der Softwareindustrie auch schon seit längerem. Doch die legen mehr Wert darauf, daß die Software pünktlich fertig ist. Der Zustand derselben ist ihnen dabei nicht so wichtig wie die Befriedigung des Kunden. (Daß sich Kunden hinterher über fehlerhafte Software ärgern, ist zweitrangig, wenn man den Kunden nur erstmal an sich gebunden hat…)

Ok, ich weiß natürlich, daß sich die Wikipedia so etwas nicht leisten kann. Aber umgekehrt kann eben auch nicht von Menschen, die ihre Freizeit opfern, erwartet werden, daß sie etwas anderes machen, als ihnen Spaß macht. Steuern ließe sich das nur mit Geld. Und da es an diesem mangelt, müssen wir uns damit abfinden, daß die Wikipedia überwiegend ein Werk von „Liebhabern“ und Enthusiasten ist, die sich nicht um jede Kleinigkeit kümmern können und wollen.

Die Wikipedia mag als Nachschlagewerk im wissenschaftlichen Sinne ungeeignet sein. Doch möchte ich keinesfalls auf sie verzichten. Denn in einer Hinsicht ist sie unschlagbar: Sie ist eine – von Menschen gepflegte – Linksammlung, die kaum Wünsche offenläßt. Zu beinahe jedem Thema findet sich dort ein Verweis auf Webseiten innerhalb oder außerhalb der Wikipedia, oder gar zu Fachliteratur!

Daher entspricht die Wikipedia meinem eigenen Motto: Man muß nicht alles im Kopf haben, aber es ist von Vorteil, wenn man weiß, wo man es schnell finden kann. Und dabei hilft mir heutzutage die Wikipedia. Ich mag gar nicht an meine Jugend vor dreißig Jahren zurückdenken. Wie oft blieben Fragen damals trotz Meyers Taschenlexikon in vierundzwanzig Bänden unbeantwortet?

Wem die Qualität der Wikipedia nicht ausreicht, der möge doch bitte durch seine großzügigen Spenden dafür sorgen, daß sich bezahlte Angestellte um die Pflege der Wikipedia kümmern.

Piraten zu Besuch

Das waren sie also, die Freibeuter der letzten Bundestagswahl. Wir hessischen Grünen wollten sie einfach mal ein wenig näher kennenlernen. Schließlich gehen sie in denselben Gewässern wie wir auf Wählerfang. So erschienen fünf Piraten, ohne Seeräuberbräute, aber unter ihnen Thorsten Wirth aus dem Bundesvorstand, zur LAG Medien der hessischen Grünen im Frankfurter Römer. Die Sitzungen der LAGen sind übrigens öffentlich für alle Interessierten. Daher gibt es dort auch sonst keine Geheimniskrämerei. Und da wir uns aufgrund ihres Wahlerfolgs mit den Piraten thematisch beschäftigen wollten, kamen wir auf die naheliegende Idee, sie einfach einzuladen.

Nach einer kurzen Begrüßung durch Jochen Vielhauer, den Sprecher der LAG, und einer Vorstellungsrunde, ging es auch gleich ans Eingemachte. Ich habe kein Protokoll geführt, und wollte hier auch nicht die Details der folgenden zwei Stunden wiedergeben. Nur einige Anmerkungen zum gesamten Abend kann ich mir nicht verkneifen.

Einigkeit, und das wurde hauptsächlich von Grünen hervorgehoben, gab es vor allem in dem, was beide Parteien ablehnen. Doch ging es um Lösungen und zukünftige Wege, zeigten sich die Differenzen deutlich. Vor allem konnte man bemerken, daß die Ideen der Grünen aus dreißig Jahren politischer Erfahrung resultieren. Während die Piraten noch ganz am Beginn ihres Weges stehen.

Qualität setzt sich durch?

Mir schien es so, als stünden die Piraten manchmal doch der FDP näher als den Grünen. So vertrauen sie allzu sehr auf den Markt, der es schon regeln wird. Künstler, die sich gut vermarkten können bzw. gut vermarktet werden, haben demnach auch Bezahlung verdient. Und wer Kunst produziert, die niemand hören, lesen oder sehen will, muß halt sehen, wie er seinen Lebensunterhalt zusammenbekommt. Ich fürchte, unter einer Piratenregierung wären kleine, spezielle Verlage, Fernsehsender wie arte oder 3sat, Musiker abseits des Mainstreams und kritische Kabarettisten schon längst ausgestorben.

Qualität ist eben nicht dasselbe wie der Geschmack der Massen, und setzt sich daher nicht von alleine durch. Aber natürlich ist nicht nur kulturelle Vielfalt, sondern gerade Qualität wünschens- und erhaltenswert. Und deshalb muß sich die Gesellschaft Gedanken darüber machen, wie wir Künstler unterstützen können, die nicht von ihrer Kunst leben können, weil ihnen Qualität wichtiger ist als die Quote.

Geistige Eigentümlichkeiten

Die Abschaffung des Privateigentums erweitern die Piraten auf geradezu kommunistische Art und Weise auch auf geistiges Eigentum. Eine nette Utopie, doch wieso sollte bei geistigem Eigentum funktionieren, was gerade erst hinsichtlich des Kollektiveigentums gründlich in die Hose gegangen ist? Weshalb sollte ich als Software-Entwickler oder Musiker kein Recht haben, durch mein Werk auch Geld zu verdienen? Aber wie soll das gehen, wenn mein Werk nicht auch mein geistiges Eigentum ist, und damit unter rechtlichen Schutz steht?

Das wußten die Piraten auch nicht so recht zu beantworten. Es lief dann wieder auf das bereits geschilderte hinaus: Wer produziert, was Andere haben, hören, lesen oder sehen wollen, der wird auch zu seinem Geld kommen. Der Rest muß sich halt eine andere Beschäftigung zur Sicherung seines Lebensunterhalts suchen. Das erinnert mich irgendwie an die Entstehung der Formatradios und den Quotendruck. Der Radiomoderator Alan Bangs wurde 1995 vom öffentlich-rechtlichen(!) WDR gefeuert, weil er es wagte, in einer nächtlichen Radiosendung Musik von Chopin zu spielen. Der Sender meinte, das wäre nicht das Richtige für seine Zielgruppe, und würde die Quote schmälern.

Rechtsfreier Raum?

Offensichtlich herrschen zwischen Piraten und Grünen auch unterschiedliche Auffassungen bezüglich Regeln und Gesetzen. Ja, Gesetze sind restriktiv. Das müssen sie auch sein, wenn sie ihren eigentlichen Zweck erfüllen sollen, nämlich den Schutz der Menschen bzw. der Gemeinschaft. Wenn ich z.B. die Gesundheit der Nichtraucher schützen möchte, und andere Wege nicht mehr möglich sind, dann muß ich per Gesetz schützen, indem ich die Raucher zumindest in der Öffentlichkeit einschränke. Wie sollte das denn auch anders gehen? Tun wir das nicht, nehmen wir billigend in Kauf, daß Rechte von Menschen und/oder Minderheiten nicht ausreichend geschützt sind. Der Gesetzgeber muß dabei immer wieder zwischen den einzelnen Rechten abwägen: Was wiegt stärker – das Recht auf Gesundheit oder das Recht auf Genuß? In genau diesem Sinne brauchen wir auch fürs Internet Regeln fürs Zusammenleben. Wo es ohne Gesetz offensichtlich nicht funktioniert, da müssen die Einen geschützt werden, indem die Anderen in ihrem Handeln eingeschränkt werden. Wer sich dem verweigern will, propagiert leider das Chaos.

Wir haben auch mal mitregiert

Sie werden meist gegen uns verwendet: Die Fehler, die die Grünen in Regierungsverantwortung gemacht haben, werden uns immer noch vorgeworfen. Das trifft mich allerdings weniger, da die Partei aus diesen Fehlern eindeutig gelernt hat. Nur höre ich mir solche Vorwürfe ungern von einer Protestbewegung an, die sich überhaupt erst einmal als Partei erweisen muß. Oder direkt gesagt: Wir Grünen haben wenigstens schon Erfahrungen und Fehler gemacht, aus denen wir haben lernen können.

Der von einem Piraten geäußerte Gedanke, daß die Zukunft vielen kleinen Parteien gehören wird, die dann jeweils spezialisiert sind, erscheint mir ziemlich abstrus. Das würde zwar die Piraten davor bewahren, sich ein umfassendes Programm zulegen zu müssen. Aber wie sollen diese kleinen Parteien denn regieren können? Ständig wechselnde Koalitionen? Oder eine Koalition mit mehreren Parteien, von denen man überhaupt nicht weiß, wie sie zu bestimmten Punkten stehen? Konkret: Ich kann als Grüner nicht mit einer Piratenpartei für vier oder fünf Jahre koalieren, wenn ich nicht einmal weiß, wie diese Partei z.B. zu Atomkraft steht und bei diesbezüglichen Entscheidungen abstimmen wird.

Eher befürchte ich, daß sich die Piraten bei dem Versuch, sich auf einen Konsens auch außerhalb ihrer Stammthemen zu einigen, aufreiben werden.

Quo vadis?

Am meisten stört mich an den Piraten, daß sie nur Politik für sich und ihresgleichen machen wollen. Wir Grünen mögen weniger IT-Fachleute haben als die Piraten, doch scheinen wir besser zu wissen, wie die Welt außerhalb des Internets aussieht. Diese Weltfremdheit der Piraten ist vermutlich dadurch entstanden, daß man vorzugsweise per Internet und wiederum mit Seinesgleichen kommuniziert. Daher ist zu befürchten – oder aus grüner Perspektive zu hoffen -, daß die Piraten nicht mehr groß wachsen werden. Es werden zwar noch eine Weile lang mehr Menschen online gehen. Aber ich schätze, daß über 95% der Internetnutzer auch ganz normale Nutzer bleiben werden. Und die haben ganz andere Probleme und Sorgen als die Extremnutzer, wie sie bei den Piraten zu finden sind. Und diese werden es nicht schaffen, aus all den braven Durchschnittsbürgern abenteuerlustige Piraten zu machen. Aber als Grüner werde ich mich dafür einsetzen, daß auch Piraten und ihre Sorgen ernstgenommen werden, und sie durch Gesetze geschützt werden.

Wir hatten wie erwartet am Ende des Abends keine Ergebnisse vorzuweisen. Auch sind viele Details nur angeschnitten worden. Darum planen wir, weiteren Gedankenaustausch zu pflegen, bei dem wir uns abgegrenzten Themen widmen werden. Und bestenfalls schaffen wir es, uns gegenseitig anzuregen: Die Grünen verstehen besser, wie wichtig die Themen sind, die die Piraten auf ihrer Agenda haben. Und im Gegenzug zeigen wir ihnen ein wenig, wie man reale Politik macht. 😉