Kategorie: Politik

Zeitumstellung: Schafft die Sommerzeit ab!

Ab jetzt ist es abends dunkel, wenn man aus dem Büro kommt, Kinder können eine Stunde kürzer draußen spielen. Warum machen wir nicht Schluss mit diesem Irrsinn?

Quelle: Zeitumstellung: Schafft die Winterzeit ab! – SPIEGEL ONLINE

Ich habe gerade Lust, den Kommentar von Christian Stöcker zu zerfleischen, der ungeachtet der Tatsachen mittels Manipulationen der Uhrzeit die Welt verbessern möchte. Zumindest in Deutschland.

Ich denke bei Menschen, die nach Möglichkeit all ihre freie Zeit im Freien verbringen, als Erstes an jemand ganz anderen: an Kinder. Und denen wird heute mal wieder übel mitgespielt. Wie jedes Jahr um diese Zeit.

Ja, die Zeitumstellung ist einfach überflüssig. Als ich ein Kind war, gab es die bei uns noch nicht. Da wurden die Tage im Winter einfach kürzer. Und da uns niemand im Frühjahr eine Stunde Zeit genommen hatte, beklagten wir uns auch nicht im Herbst darüber, wenn sie uns endlich zurückgegeben wurde.

Heute, am Sonntag nach der Zeitumstellung, wird es in Hamburg um 18:48 Uhr Nacht. Ja: Nacht. Obwohl im Fernsehen noch das sogenannte Vorabendprogramm läuft.

So geht es mir jedes Jahr im Frühling, wenn die Uhr vorgestellt wird: Dann ist es morgens, wenn ich das Haus verlasse, um zur Arbeit zu fahren, noch Nacht. Obwohl ich arbeiten muss.

Spätestens dann werden die meisten Eltern jüngerer Kinder ihren Nachwuchs zusammentrommeln und nach drinnen verfrachten. Die Kinder dürfen dann zwar eine Stunde länger aufbleiben als am Vortag. Aber das gelingt nicht allen – dafür sind sie einfach zu müde. Dafür sind sie am nächsten Morgen garantiert eine Stunde zu früh wach. All das führt ein paar Tage lang zu Schlafmangel und schlechter Laune auf allen Seiten. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich rede.

Das mit den „jüngeren Kindern“ geht irgendwann vorbei, glauben Sie mir. Aber die Umschaltung auf Sommerzeit führt bei mir selbst ein paar Wochen lang zu Schlafmangel und schlechter Laune. Auch ich weiß, wovon ich rede.

Die Umstellung von Sommer- auf Winter- oder genauer: auf Normalzeit ist jedes Jahr wieder eine Quälerei.

Nein, die Umstellung von der Normalzeit auf Sommerzeit ist jedes Jahr wieder eine Quälerei. Nun im Herbst kommt mein eigener Rhythmus endlich wieder ins Gleichgewicht.

Allerdings wollen, und das hat mich dann doch erstaunt, von weit über 82.000 Menschen, die dieses Frühjahr an einer SPIEGEL-ONLINE-Abstimmung zum Thema teilgenommen haben, fast 55 Prozent die Sommerzeit abschaffen und nur 31,6 Prozent die Winterzeit. Das kann ich nicht nachvollziehen. Morgens dunkel ist mir egal. Abends dunkel finde ich deprimierend und kinderfeindlich.

Ich habe früher gedacht: Morgens hell ist mir egal. Da schlafe ich sowieso noch. Aber seit ich regelmäßig morgens früh zur Arbeit muss, ist es mir keineswegs egal. Gerade der Lichtmangel am Morgen führt zu Depressionen. Und ich weiß auch in diesem Fall, wovon ich rede. Denn ich habe zwar keine Kinder, jedoch Depressionen.

Lieber abends ein bisschen länger hell, lieber nicht Ende Oktober jedes Jahr von einem Tag auf den anderen immer bei Dunkelheit aus dem Büro kommen, monatelang, lieber abends noch mal draußen sitzen, wenn das Wetter es zulässt.

Lieber nicht Ende März jedes Jahr von einem Tag auf den anderen immer bei Dunkelheit ins Büro müssen…

Wäre es nicht schön, wenn es in Europa stattdessen den ewigen Sommer gäbe?

Das ist der grundsätzliche Fehler im Gedankengang der Sommerzeitbefürworter: Die Jahreszeiten richten sich eben nicht danach, wie wir die Uhr einstellen. Das Problem kommt vielmehr daher, dass wir uns – seit Einführung des elektrischen Lichts – nicht mehr nach den Jahreszeiten richten (wollen).

Es wurden (außerhalb der Landwirtschaft) feste, sich täglich wiederholende Arbeitszeiten eingeführt, unabhängig vom Tageslicht. Natürlich ist es toll, dass wir nun dank des elektrischen Lichts zu jeder Tageszeit arbeiten können, z.B. beim Notdienst im Krankenhaus. Problematisch ist nur, dass wir das grundsätzlich tun, nicht nur in dringenden Notfällen.

Und weil wir im Winter die paar Stunden, die es am Tag noch hell ist, nun vollständig mit Arbeit verbringen, bleibt in dieser Jahreszeit natürlich kein Tageslicht mehr für unsere Freizeit übrig. Der sommerliche Zustand, dass wir immer noch einige Stunden Licht haben, die wir in unserer Freizeit nutzen können, lässt sich nicht durch eine Zeitumstellung ganzjährlich herstellen.

Findet Euch also damit ab, dass die Erdachse geneigt ist, und wir dadurch in unseren Breitengraden unterschiedliche Tageslängen haben. Oder zieht an den Äquator.

Alternativ könntet Ihr Euch aber auch dafür einsetzen, im Sommer, wenn die Sonne nach Normalzeit bereits zwischen vier und fünf Uhr aufgeht, früher zu arbeiten. Um dann abends noch mehr Tageslicht in Eurer Freizeit zu haben. Das wäre eine individuelle Lösung, die nicht wie eine Zeitumstellung Auswirkungen auf alle Menschen hätte.

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Es geschah nicht in Berlin…

Es hält sich hartnäckig das Gerücht, dass die erste Grenzüberschreitung nach Schabowskis Pressekonferenz am 09.11.1989 am Grenzübergang Bornholmer Straße in Berlin stattfand. Dieses wird noch dadurch erhärtet, dass zufällig ein Team von SPIEGEL TV anwesend war, welches die historischen Bilder aufnahm, die in diesen Tagen hunderte Male auf allen Fernsehkanälen wiederholt werden.

Ab 21:20 Uhr wurde einzelnen Personen gestattet, den Grenzübergang ohne größere Formalien zu passieren. Erst eine halbe Stunde vor Mitternacht wurde dann dort der Schlagbaum geöffnet, und die Kontrollen wurden eingestellt – weil sie einfach nicht mehr möglich waren.

Am Grenzübergang Helmstedt-Marienborn waren sie jedoch etwas schneller, laut Wikipedia sollen die ersten um 21:15 Uhr herübergekommen sein. Nur war leider kein Fernsehteam anwesend, welches historische Aufnahmen gemacht hätte. Zum Glück wohnte ich damals in Braunschweig in unmittelbarer Nähe der Bundesstraße 1, die von Helmstedt aus zur zweitgrößten Stadt Niedersachsens führte, und kann daher berichten, was an jenem Abend (jenseits von Berlin) wirklich geschah.

Aber fangen wir von vorne an: In jenem Sommer hatte ich wenig von den Geschehnissen um die Prager Botschaft und den Ausreisen per Zug durchs Gebiet der DDR mitbekommen, weil ich zu der Zeit irgendwo in Skandinavien im Urlaub war, und die Nachrichten erst mit beträchtlicher Verspätung eintrafen.

Ich war quasi (auch) mit Fernsehen und Radio der DDR aufgewachsen, denn in Braunschweig, nur 40 km von der „Zonengrenze“ entfernt, hatten wir hervorragenden Empfang. Und es gab ja noch keine Privatsender im Westen, sondern ausschließlich ARD, ZDF, und das dritte Fernsehprogramm des NDR. Und im Radio eigentlich nur NDR 1-3 und den Deutschlandfunk, wenn man nicht noch auf Kurzwellensender auswich (achja, den britischen Soldatensender BFBS gab’s natürlich auch noch). Da habe ich manchmal aus Not und Neugier auch mal das DDR-Fernsehen eingeschaltet. Und deswegen bin ich sozusagen mit dem Ostsandmännchen, Pittiplatsch, Schnatterinchen und Frau Doktor Pille aufgewachsen.

Doch in jenem Sommer 1989, als bei den neuen Privatsendern schon wieder die Langeweile einkehrte, entdeckte ich DT64, das Jugendradio der DDR. Und das war besser, aufregender, frecher und abwechslungsreicher als alles, was ich je zuvor im Radio gehört hatte. Und dann gab es da noch ab Mitternacht die Sendung „Schlafstörungen“ mit Marion Brasch, der ich gebannt folgte. Ja, ich habe Marion sogar ein paarmal in der Sendung angerufen, und sie im Frühjahr 1990 überraschend im Sender in der Nalepastraße besucht.

Auf jeden Fall bekam ich durch DT64 schon vor der eigentlichen Wende mit, wie die Stimmung im Osten war, und dass sich dort etwas anbahnte. Was all die Demonstrationen am Ende bringen würden, konnte sich zu jenem Zeitpunkt noch niemand ausmalen. Aber alle wollten etwas ändern, und sie verschafften sich mehr und mehr Gehör und Aufmerksamkeit.

Am 9. November dann habe ich kurz nach 19 Uhr (in den heute-Nachrichten?) Aufnahmen der legendären Pressekonferenz gesehen, und wusste sofort, dass nun etwas in Gang gesetzt worden war, was niemals wieder rückgängig gemacht werden konnte – wenn die DDR-Oberen nicht ihr eigenes Volk niederprügeln oder gar -schießen wollten.

Ich habe damals bei meinen Eltern angerufen, und mit meiner Mutter(?) über das gesprochen, was ich gerade im Fernsehen gesehen hatte. Wir hatten überhaupt keine Verwandten in der DDR, waren also eigentlich persönlich weniger betroffen. Nach dem Telefonat starrte ich noch lange ungläubig mit Tränen in den Augen auf die Fernsehbilder – zu jenem Zeitpunkt war die Grenze aber noch dicht!

Ich kannte Deutschland nicht anders, da ich drei Monate vor dem Mauerbau geboren wurde. In den frühen Sechzigern ahnte man auch noch nicht, dass die DDR diesen Unsinn 28 Jahre lang durchhalten würde. Die Grenze bei Helmstedt und vor allem im nahen Harz habe ich als kleiner Junge immer mit einer Mischung aus Angst und Verwirrung betrachtet. Auf beiden Seiten lebten Deutsche, wieso konnten die nicht einfach von einer Seite auf die andere gehen?

Im Herbst 1989 geschah jedoch genau dieses: Zuerst gingen einzelne Menschen vor allem von Osten nach Westen über diese jahrzehntelang undurchdringliche Grenze. Und kurze Zeit später folgten bereits Menschen- und Fahrzeugmassen. Die habe ich nämlich an jenem Abend noch reichlich zu Gesicht bekommen.

Ich schätze, es war gegen 22 Uhr, als ich mich auf den Weg in die Innenstadt machte. Ich wollte einfach noch mal raus, und im Panoptikum, meiner Stammkneipe und -disko vorbeischauen. Da ich fast an der Straße in Richtung Innenstadt wohnte, zu dem Zeitpunkt aber kein Auto besaß, beschloss ich zu trampen. Schließlich fuhren auf der B1, welche in Braunschweig Helmstedter Straße hieß, jede Menge Fahrzeuge in Richtung Innenstadt.

Es war Donnerstagabend, und nicht allzu viel los. Aber das Merkwürdige war, dass zwischen all den Autos zuerst nur sporadisch, später jedoch immer mehr Trabbis und Wartburgs auftauchten! Bis zu jenem Tag waren solche Fahrzeuge auch nur 40 km jenseits der DDR-Grenze eine absolute Rarität. Mich hatte dann jemand (kein Ossi) mitgenommen, und in der Innenstadt in der Nähe des Rathauses abgesetzt. Ich ahnte zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass ich im Laufe der Nacht in einem Wartburg nicht nur mitfahren würde…

Am Platz vor dem Rathaus war die Hölle los: Alles war mit Fahrzeugen aus der DDR zugeparkt! Anscheinend machten sich die Ossis irgendwie Hoffnung, dass sie um diese späte Tageszeit noch ihre 100 DM Begrüßungsgeld abholen könnten. Aber ich glaube, die meisten hatten überhaupt gar keinen Plan, und suchten das Rathaus nur als erste Anlaufstelle auf. Die Allermeisten waren zum allerersten Mal in Braunschweig, und wussten überhaupt nicht, was sie dort machen sollten.

Ich weiß nicht, ob es tatsächlich Begrüßungsgeld gab, doch der Ansturm der Ossis samt Trabbis stellte die Braunschweiger Behörden vor nicht unerhebliche Probleme. Während ich zwischen all den Ossis über den Rathausplatz schlenderte, bekam ich vor allem eine Angst mit: Die Meisten wollten auf jeden Fall zurück, nur nicht sofort, und hatten große Angst, ob die Grenze nicht wieder dicht gemacht würde. Und wo sollten sie die Nacht verbringen? Der Stau auf der A2 vor der Grenze in Marienborn reichte angeblich bis Magdeburg zurück.

Doch die Stadt leistete in jener Nacht Unglaubliches. Es wurden Busse organisiert, die die Besucher aus der DDR in eine Kaserne am Stadtrand brachten. Die wurde wohl kurzfristig von den Soldaten geräumt, so dass Unterkünfte zum Übernachten zur Verfügung standen. Zwei Männer und eine Frau in meiner Nähe wollten das Angebot annehmen, aber nicht ihren Wartburg zurücklassen. Und sie hatten Angst, sich bzw. den Bus beim Hinterherfahren zu verlieren.

Ich hatte in den Jahren zuvor als Taxifahrer in Braunschweig gearbeitet, und fragte den Busfahrer, wo er denn hinführe. Ich weiß heute nicht mehr, wie die Kaserne hieß, sie war jedoch an der Helmstedter Straße gelegen, in unmittelbarer Nähe meiner Wohnung! Also bot ich den Dreien an, sie zu begleiten, damit sie hinter dem Bus herfahrend sicher zur Kaserne gelangten.

Nun saß ich also zum ersten Mal in meinem Leben in einem Wartburg. Und das sollte nicht die letzte Überraschung dieser Nacht bleiben. Wir fuhren also zu jener Kaserne, und bevor ich weitererzähle, möchte ich kurz in Erinnerung rufen, dass wir uns damals noch im „Kalten Krieg“ befanden. Ich weiß noch, welche Kontrollen ich (als Zivildienstleistender) am Eingang einer Kaserne über mich ergehen lassen musste, weil ich einen Freund besuchen wollte, der auf der Krankenstation lag. Das war nicht so schlimm wie die Kontrollen an der DDR-Grenze, aber penibel war das schon.

Und jetzt dieses: Der Bus kam vor uns am Kasernentor an – und wurde einfach durchgewunken. Dann kamen wir: Ein Blick auf das DDR-Kennzeichen des Wartburgs – und wir wurden ebenfalls einfach so durchgewunken! Niemand hielt unsere Personalien fest, wir konnten problemlos mit einem DDR-Fahrzeug in eine Kaserne der Bundeswehr fahren.

Ich dachte mir: Jetzt wird’s interessant, mache ich doch einfach erst einmal weiter mit. Im Folgenden wurden dann die Ossis auf die Stuben verteilt. Es gab eine Schüssel Erbsensuppe und für jeden eine Banane (sic!). Ich nahm auch eine der Staudenfrüchte, und wir saßen auf der Stube und diskutierten. Über unsere Hoffnungen und unsere Ängste, und dass wir noch gar nicht richtig verstehen konnten, was hier gerade geschah.

Die Frau wurde müde, und wollte schlafen. Es war vermutlich bereits gegen Mitternacht, doch die beiden Männer waren viel zu aufgedreht, um ein Auge zumachen zu können. Also beschlossen wir, noch einmal von der Kaserne in die Innenstadt zu fahren. Man wollte den Augenblick genießen, wusste doch niemand, ob und wann man jemals wieder die Gelegenheit haben würde. Und am nächsten Tag wollten sie ja eigentlich auch wieder zurück, um arbeiten zu gehen. (Ich weiß nicht, ob das wie geplant geklappt hat.)

Ich lotste die Beiden mit dem Wartburg zum bereits erwähnten Panoptikum. Da sie kein Westgeld dabei hatten, gab ich ihnen dort ein Bier aus. Nach einer Stunde wollten wir dann doch zurück, um noch ein wenig zu schlafen. Da meinten die beiden Männer, sie hätten Angst, nach dem Genuss eines Bieres zu fahren (in der DDR galt eine unerbittliche Null-Promille-Grenze!). Ob ich nicht den Wartburg zurück zur Kaserne fahren könne…

Ich ließ mir also die technischen Besonderheiten des Fahrzeugs kurz erklären, und wir machten uns erneut auf den Weg. Und vor der Kaserne durfte ich das Wunder noch einmal, diesmal sogar am Steuer des Wagens erleben – sobald die Wachsoldaten erkannten, dass es sich um ein Fahrzeug aus der DDR handelte, wurden wir freundlich und ohne jegliche Kontrolle in die Kaserne hinein gewunken.

Die Wache staunte aber dann doch ein wenig, als ich kurz darauf zu Fuß die Kaserne verließ, um mich auf den Heimweg zu machen. Meine Wohnung lag quasi auf der Rückseite der Kaserne. Dort angekommen, schaltete ich bestimmt noch einmal den Fernseher ein, um nun auch in Berlin die Wartburgs und Trabbis über die Grenzübergänge rollen zu sehen. Und irgendwann bin ich dann nach dieser aufregenden Nacht vermutlich auch mal eingeschlafen…

Halten wir aber für die Nachwelt fest: Die ersten Grenzüberquerungen fanden nicht in Berlin, sondern am Grenzübergang Helmstedt-Marienborn statt. Und der Autoverkehr rollte auch schon längst von Helmstedt nach Braunschweig, als an der Bornholmer Straße der Schlagbaum noch geschlossen war. Schade nur, dass ich in jener Nacht kein Fernsehteam getroffen habe, dem ich von diesen unglaublichen Ereignissen hätte berichten können.

Hier geht’s jetzt um die Wurst.

Pro

  1. Tolles Lied, könnte auch als James-Bond-Titelmelodie von Celine Dion gesungen werden – also ein klassischer ESC-Song.
  2. Schönes Kleid.
  3. Kein Herumhampeln, kein Möchtegernballett. Im Vergleich zu den anderen „Künstlern“ so gut wie keine Show. Daher Konzentration auf das Wesentliche: Die Musik.
  4. Eine (für meine Ohren) überraschend gute Stimme.
  5. Eine Ohrfeige und herbe Niederlage für Russen und andere Homophobe.
  6. Der Traum vieler Schwuler (aus denen das ESC-Publikum zum größten Teil besteht) wird wahr: Ein bekennender Schwuler gewinnt als Dragqueen im Klitzerkleid den ESC. Wer von Euch Schwulen nicht auch schon mal davon geträumt hat, der werfe das erste Wattebäuschchen…

Contra

  1. Der Bart sieht irgendwie bescheuert aus. Er erinnert mich immer an diesen hirnlosen Glööckler. Aber vielleicht war er ja (der Bart, nicht der Glööckler) der Schlüssel zum Erfolg?

Damit müssten auch die Kirchen leben können

Karfreitag, Ostermontag, Himmelfahrt, Pfingstmontag, Fronleichnam, erster und zweiter Weihnachtstag – das sind die sieben staatlichen Feiertage bei uns in Hessen, die religiös begründet sind. (Die anderen sind Neujahr, Tag der Arbeit und Tag der deutschen Einheit.) Was spräche im Sinne der Trennung von Staat und Kirche dagegen, diese Tage wie schon zuvor den Buß- und Bettag zu einfachen religiösen Feiertagen zu „degradieren“, an denen prinzipiell gearbeitet werden muss?

Damit nun niemand benachteiligt wird, bekommen alle stattdessen sieben Tage „Sonderurlaub“. Diesen dürfen sie z.B. an ihren religiösen Feiertagen nehmen, um wie bisher den Gottesdienst besuchen zu können. Somit könnten sich Christen auch nicht mehr darüber beschweren, dass Ungläubige solche Feiertage gerne mitnehmen, anstatt arbeiten zu gehen: Wir gehen einfach arbeiten, und nehmen stattdessen an einem anderen Tag unseren Sonderurlaub. (Hat sich eigentlich schon mal jemand darüber beschwert, dass Arbeitslose den Tag der Arbeit „mitnehmen“ würden?)

Es könnten auch einige dieser staatlichen Feiertage durch andere, nicht religiös begründete ersetzt werden. Es bietet sich z.B. der Europatag am 5. Mai an. Allerdings ginge das auf Kosten der Gläubigen, da diese dann einen Tag weniger Sonderurlaub hätten, und „normalen“ Urlaub an ihrem religiösen Feiertag nehmen müssten.

Früher in der Schule (in Niedersachsen) durften die katholischen Schüler an katholischen Feiertagen wie z.B. Fronleichnam einfach freinehmen. Umgekehrt gab es leider für uns evangelische Schüler keine evangelischen Feiertage, die nicht auch katholische waren. (Der Reformationstag war damals kein Feiertag.) Andererseits sollten die Kirchen trotz „Lasset die Kindlein zu mir kommen“ besser die Finger von unmündigen Menschen lassen. Natürlich wollen die Kirchen die Menschen so früh wie möglich in ihrem Sinne beinflussen. Kann ich gut verstehen, halte ich aber für unzulässig.

Genauso unzulässig wie (religiös begründete) Vorschriften für Anders- oder Ungläubige. Stellen Sie sich mal vor, ein Gesangverein würde allen Leuten im Ort (auch den Nichtmitgliedern) vorschreiben wollen, dass Mittwochabends niemand Musik hören darf – weil der Gesangsverein zu dieser Zeit in Ruhe üben möchte. Klar, für einen Verein selbst – auch für die Kirche – muss es Regeln geben. Aber diese dürfen sich nicht auf Nichtmitglieder erstrecken! (Außerdem gelten natürlich die staatlichen Gesetze zur Ruhestörung und Lärmbelästigung.) Und wie laut würden wohl die Christen schreien, wenn sie ihre Sonderrechte teilen müssten, und ihnen an islamischen Feiertagen bestimmte Vorschriften gemacht würden?

In manchen Gegenden gibt es sogar die Tradition des Ratschens. Kurz erklärt: Während allgemeines Tanzverbot herrscht, ziehen Christen umher und machen Lärm, welcher die Gläubigen aufruft und die Ungläubigen nervt. Hat schon mal jemand versucht, die wegen Lärmbelästigung anzuzeigen?

Was die Ladenöffnungszeiten betrifft, so sollten ebenfalls keine Vorschriften gemacht werden. In Gegenden mit überwiegend religiöser Bevölkerung, in denen dann viele an religiösen Feiertagen freinehmen, müssten sich Einzelhändler natürlich Gedanken darüber machen, ob sie ihren Laden für den Rest der Bevölkerung unbedingt öffnen müssen. In anderen Gegenden müssen sie sich Gedanken darüber machen, ob sie den Laden an einem solchen Tag unbedingt schließen wollen. Das sollten wir der „unternehmerischen Freiheit“ überlassen.

Und das allgemeine Tanzverbot an religiösen Feiertagen sollte natürlich ersatzlos gestrichen werden: Keine Sonderrechte mehr für bestimmte Religionsgemeinschaften!

Was dem einen sein Negerkuss, ist der anderen ihr Zigeunerschnitzel

Fühlen Sie sich manchmal auch furchtbar durch den Gebrauch einzelner Worte beleidigt oder provoziert? Versuchen auch Sie, Namen, die Sie seit Ihrer Kindheit kennen, durch politisch korrekte wie „Schokokuss“ oder „Paprikaschnitzel“ zu ersetzen? Haben Sie ein schlechtes Gewissen, wenn Sie ihnen aus Gewohnheit und Versehen dennoch einmal herausrutschen? Und vor allem: Üben Sie sich auch immer wieder darin, auch Ihren Mitmenschen den politisch korrekten Gebrauch von Sprache beizubringen? Na, dann verstehen Sie sicherlich mein Problem als Atheist.

Gegen die Beleidigung „Ungläubiger“ konnte ich mich erfolgreich zur Wehr setzen, indem ich das Wort selbst benutze, wie es uns die Schwulen vorgemacht haben. Heute kann ich stolz und aufrechten Hauptes sagen, dass ich ungläubig bin, weil diese Bezeichnung für mich positiv besetzt ist. Statt mich als Atheist vorzustellen, sage ich nun einfach, ich bin ungläubig, wenn mich jemand nach meinem Glauben fragt. So wie ich auch Nichtraucher bin, wenn mir jemand Tabakwaren anbietet.

Aber ein Problem bleibt für mich und alle anderen Ungläubigen: Genauso, wie Wörter wie „Neger“ oder „Zigeuner“ heute nicht mehr angebracht sind, ist auch „Gott“ ein Relikt aus alten Zeiten, und beleidigt jeden aufgeklärten Menschen. Dennoch wird es nach wie vor gedankenlos in Wörtern wie z.B. „Götterspeise“ verwendet, obwohl es dafür bereits in meiner Kindheit den Namen „Wackelpudding“ gibt. Außerdem gibt es natürlich zahlreiche Bücher, die dringend an unsere aufgeklärte und politisch korrekte Zeit angepasst werden müssen. Wenn der „Negerkönig“ selbst bei Pippi Langstrumpf ersetzt wird, dann ist es sicherlich angebracht, „Gott“ aus weitaus wichtigeren Werken zu tilgen. Die Möglichkeit, Werke, in denen noch gedankenlos „Gott“ benutzt wird, als „jugendgefährdend“ einzustufen, halte ich wie im Fall von Pippi Langstrumpf für unwahrscheinlich.

Atheisten neigen im Gegensatz zu manchen religiösen Menschen nicht dazu, wegen Beleidigungen durch Worte oder Karikaturen, Anzeige zu erstatten, Bücher zu verbrennen oder gar Menschen umzubringen. Dies lässt ihre Gefühle im Vergleich unbedeutend erscheinen. Aber ich kann Ihnen versichern, dass es die Vernunft vieler Menschen beleidigt, wenn z.B. ausschließlich heterosexuelle Beziehungen als „gottgewollt“ bezeichnet werden.

Um es sich außer mit den Afroamerikanern, Sinti und Roma nicht auch noch mit den Atheisten zu verderben, schlage ich vor, das Wort „Gott“ grundsätzlich nicht mehr zu gebrauchen. Statt „Götterspeise“ gibt es nur noch „Wackelpudding“. Und „Gott“ selbst ließe sich z.B. angemessen durch „imaginäres Wesen“ ersetzen. Nun gut, die Überarbeitung der Bibel wird etwas mehr Aufwand erfordern. Doch dieser Aufwand wird am Ende auch dadurch belohnt werden, dass der Märchencharakter des Werkes deutlicher hervortreten wird.

Und die Moral von der Geschichte? Egal wie Du es sagst: Es gibt immer mindestens einen Idioten, der sich durch Deine Wortwahl beleidigt fühlt, notfalls stellvertretend für Andere.

Was ich während des Schreibens gehört habe:

Nichts ist unmöglich!

Ich habe diese fantastischen Vier mit dem Programm vor vielen Jahren in Braunschweig live erlebt, und halte es immer noch für eine Sternstunde des deutschen Kabaretts, welches es meines Wissens nie ins Fernsehen geschaft hat, weil die Texte weder jugendfrei noch politisch korrekt sind.

Liberal heißt im liberalen Sinne nicht nur liberal

Dieses Zitat im Titel stammt natürlich von Vicco von Bülow alias Loriot, der in einem Sketch einen Schauspieler, der einen FDP-Politiker darstellte, permanent diesen Satz wiederholen ließ – mit der Begründung: „Bevor ich etwas Falsches sage…“

Ich weiß nicht genau, von wann dieser Sketch war, aber ich habe, als ich zum ersten Mal wählen durfte (bei der ersten Europawahl kurz nach meinem 18. Geburtstag) doch tatsächlich die FDP gewählt. Damals in der „Genscher-Ära“ stand die FDP allerdings auch noch für Liberalismus. Heute nur noch für Lobbyismus. Aber das fängt ja wenigstens auch mit „L“ an…

Was Philosophie betrifft, so gestehe ich, leider viel zu wenig gelesen zu haben. Aus diesem Grunde war ich auch ein wenig erstaunt, Folgendes in der Wikipedia (unter „Verfassungsliberalismus“) zu lesen:

John Stuart Mill formulierte in seiner Schrift On Liberty (dt: Über die Freiheit) das Prinzip, „dass der einzige Grund, aus dem die Menschheit, einzeln oder vereint, sich in die Handlungsfreiheit eines ihrer Mitglieder einzumischen befugt ist: sich selbst zu schützen. Dass der einzige Zweck, um dessentwillen man Zwang gegen den Willen eines Mitglieds einer zivilisierten Gesellschaft rechtmäßig ausüben darf: die Schädigung anderer zu verhüten.“

Für alle, die keine Lust hatten, auf den Link zu klicken: John Stuart Mill war ein englischer Philosoph und Ökonom und einer der einflussreichsten liberalen Denker des 19. Jahrhunderts. Doch was ist von diesen Gedanken geblieben? Was hält die FDP zum Beispiel von diesen drei Punkten?

  1. Die Freiheit von Rauchern wird in der Öffentlichkeit gegen deren Willen eingeschränkt, um die Schädigung von Nichtrauchern zu verhüten.
  2. Die Geschwindigkeit von Autofahrern wird auf Autobahnen generell eingeschränkt, um dadurch die Schädigung anderer Autofahrer zu verhüten.
  3. Die Freiheit von Anwohnern, die sich um das „Stadtbild“ sorgen, wird eingeschränkt, um durch wirksamen Hochwasserschutz die Schädigung dieser und anderer Anwohner zu verhüten.

Ja, da schreien die allermeisten FDP-Politiker laut auf: „Wie kann man nur wagen, die Freiheit der Menschen einzuschränken?“ Aber habt Ihr denn nicht John Stuart Mill gelesen, den großen „liberalen Denker“? Der schrieb exakt die zulässige Ausnahme von der Regel auf.

Bevor Ihr also das nächste Mal über Andere wie z.B. die Grünen schimpft, die sich bemühen, „die Schädigung anderer zu verhüten“, greift lieber noch einmal ins Bücherregal, und lest über die Wurzeln Eurer Partei nach, von denen Ihr Euch so schrecklich weit entfernt habt. Vielleicht glaubt Ihr dem liberalen Mill ja eher als der linken Rosa Luxemburg:

„Freiheit nur für die Anhänger der Regierung, nur für Mitglieder einer Partei – mögen sie noch so zahlreich sein – ist keine Freiheit. Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.“

Feiertage für alle

Nachdem ich gelesen habe, dass Muslime demnächst das Recht bekommen, an muslimischen Feiertagen freizunehmen – also Urlaub zu bekommen -, kam ich auf die Idee, dass man das generell so machen sollte. Auch die Christen sollten an ihren Feiertagen dieses Recht bekommen.

Allerdings sollten gleichzeitig alle christlichen Feiertage in Deutschland, an denen niemand zur Arbeit muss, durch nichtreligiöse Feiertage ersetzt werden. Also z.B. Christi Himmelfahrt durch einen Evolutionstag – an einem anderen, noch festzulegenden Datum. Da würden uns bestimmt genug einfallen.

Das Resultat wäre, dass es genauso viele Feiertage wie vorher gäbe, an denen alle frei haben. Religiöse Menschen dürfen jedoch an ihren Feiertagen Urlaub nehmen, der ihnen nicht verwehrt werden darf.

Auf Anhieb fallen mir ein paar Vorteile ein: Da nicht mehr alle gleichzeitig zu Ostern/Weihnachten freihaben werden, gäbe es weniger Staus durch Reiseverkehr. Vielleicht entspannt sich sogar die Lage in den Geschäften, die zu diesen Zeiten große Werbe- und Verkaufsoffensiven starten.

Und nicht zuletzt muss ich mir nie wieder anhören, dass ich es angeblich den Christen (und nicht dem Staat) zu verdanken hätte, wenn ich zu Ostern/Weihnachten nicht arbeiten bräuchte. Ich weiß nur, dass es Christen zu verdanken ist, wenn Andersgläubige, Geschiedene oder Homosexuelle nicht in kirchlichen Einrichtungen arbeiten dürfen…