Die Weltsicht der Piraten

Wenn man lange auf einem Schiff die Weltmeere befährt, und immer nur mit seinesgleichen zu tun hat, dann hält man, was man tut und denkt, irgendwann für weitverbreitet. Man vergisst leicht, dass auch in den Städten sehr viele Menschen leben, für die Segeln und Entern ungewöhnlich ist, ja, die vielleicht noch nie in ihrem Leben ein Schiff betreten haben.

WikiLeaks ist genauso wie Watergate nur eine griffige Bezeichnung für die Affäre, die gerade große Teile der westlichen wie östlichen Welt bewegt. Die Leute interessieren sich zwar dafür, wie die Diplomaten der USA über Guido Westerwelle denken. Die technischen Hintergründe bleiben jedoch im Dunkeln, und es interessiert auch kein Schwein, wenn Piraten jetzt eine Rettungsaktion starten, indem sie ein paar hundert Mirrors anlegen.

Einige Piraten glauben tatsächlich, dass die Affäre ihnen nützen würde, indem es sie bekannter macht, und ihnen sogar Wählerstimmen bescheren würde. Der SPIEGEL letzter Woche war voll von Artikeln zum Thema, doch kann ich mich nicht entsinnen, dass in dem Zusammenhang auch nur ein einziges Mal von den Piraten die Rede war.

Der Irrtum besteht darin, zu glauben, dass das, was die Piraten bewegt, auch die Welt bewegen müsse. Und er wird dadurch unterstützt, dass sich die Piraten fast ausschließlich auf ihrem Meer, dem Internet bewegen, und dort überwiegend unter sich bleiben. Es geschieht aber in der Welt viel mehr, als in Internetforen oder über Twitter heiß diskutiert wird. Das Internet mag ein Spiegel der Welt sein. Doch ein Spiegel gibt immer nur einen Ausschnitt der Welt wieder, abhängig davon, welche Perspektive man einnimmt.

Es ist bezeichnend, dass sich die Piraten mehr Sorgen um die Zukunft der Plattform WikiLeaks machen, die von weiten Teilen der Bevölkerung übrigens mit der Onlineenzyklopedie WikiPedia in einen Topf geworfen wird, als über die diplomatischen und politischen Folgen der Veröffentlichungen z.B. für den Nahen und Mittleren Osten.

Und es offenbart eine gewisse politische Naivität, zu glauben, es sei grundsätzlich gut, wenn alles ans Licht kommt. Wieso wird eigentlich Politikern und Diplomaten nicht auch das Recht auf Anonymität bzw. das Recht auf die eigenen Daten eingeräumt, für welches die Piraten so vehement kämpfen? Ist es nicht seltsam, wenn man für ein friedliches Zusammenleben die totale Transparenz als notwendig erachtet, dabei aber gleichzeitig auf die eigene Anonymität bedacht ist?

Im Übrigen täte es den Piraten besser, würden sie zu Assange ein wenig mehr Distanz wahren. Die geradezu abgöttische Bewunderung für diesen von sich selbst überzeugten Typen kann irgendwann zu einem Bumerang werden. Ich erinnere nur an den Fall Tauß: Wo sind eigentlich dessen Piratenfans geblieben, nachdem dieser rechtskräftig verurteilt wurde?

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